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Clock Opera – Venn

Dem eindringlichen und markanten Gesang der Schwarzkehl-Nachtschwalbe kann hauptsächlich im Osten Nordamerikas gelauscht werden. Man sagt dem Vogel nach, er könne die sich davon machende Seele eines Sterbenden spüren und sie vereinnahmen, und sein Trällern wäre ein Omen für den nahenden Tod. “Whippoorwill”, wie das Tier im Englischen lautmalerisch genannt wird, heißt auch die erste Single aus dem kommenden Studioalbum des britischen Indie-Quartetts Clock Opera.

Dieser Songtitel kommt natürlich nicht von ungefähr. Er wurde, wie nahezu alle der zehn Stücke, von einer Fehlgeburt, der anschließenden Trauer darüber und den weiteren Auswirkungen inspiriert. — “There’s a hole in this house no fairground ride will will, no time can kill, since you went away.” — So ist es auch nur logisch, dass das neue Werk insgesamt düsterer und gedrückter klingt als das vorangegangene Debütalbum “Ways To Forget” aus dem Jahr 2012. Und doch geht es um mehr als um den Kummer, um mehr als Menge “A”. Es geht um deren Schnittmenge mit Menge “B”, dem Gegenstück, dem Optimismus. Daher auch der Titel des Albums: “Venn” (nach John Venn, dem Erfinder der gleichnamigen Diagramme in der Mengenlehre).


Video zu “Whippoorwill”

Musikalisch zeugen die Songs von einer großen Variabilität der Band. Beispielsweise startet die Scheibe mit “In Memory” sehr ruhig und langsam, wohingegen sie in “Dervish” (als politisches Stück eine thematische Ausnahme) oder “Cat’s Eye” mal richtig aufgewühlt und fast hektisch wirkt. Neben der schon angesprochenen Single “Whippoorwill” gibt es mit dem tanzbaren Synth-Pop-Song “Changeling” noch ein weiteres Stück, das einem spätestens nach dem zweiten Hören nicht mehr aus dem Kopf geht. Nach weiteren Durchläufen sind aber auch die übrigen, wie schon erwähnt ziemlich unterschiedlichen, aber durchweg starken Titel erschlossen.
Der gemeinsame Nenner ist der elektronische, unverkennbare und runderneuerte Stil der Band und die präzise Produktion des Ganzen. Es wird viel mit Rhythmus gearbeitet. Der entsteht aber nicht zwingend nur durch Drums oder Percussion, sondern auch mal durch einen unvermittelt auftauchenden, pulsierenden Bass oder sonstige perfekt getimte Synthie-Sounds — oder wie in “Changeling” durch Glockenläuten (das zwischendurch auf Tour mal aufgenommen wurde). Hauptmerkmal bleibt aber der Falsettgesang von Guy Conelly, der sich im Vergleich zum vorigen Album noch mehr in Alt-Tonlagen bewegt.

“Venn” flatterte mir zeitgleich mit “Mother Tongue” von Rebekka Karijord ins Postfach. Vordergründig haben die beiden Alben zwar nichts miteinander zu tun, und doch hat sich so für mich eine Verbindung ergeben: Das Glück der Geburt (aber auch das ungewisse Bangen um das Leben des Frühchen) auf der einen Seite, eine Fehlgeburt als thematischer Mittelpunkt auf der anderen. Die Spiritualität in der Grenzerfahrung, das Gefühl des Kontrollverlustes bei Karijord und in “Hear My Prayer” die Abgabe der Herrschaft über das eigene Schicksal an eine höhere Macht. Die Thematisierung von Licht und Schatten…
Schließlich ähneln sich dann auch meine Urteile über diese beiden Werke… soll heißen: mit “Venn” ist Clock Opera ein großartiges Album für Indie-/Electro-/Synthie-/Pop-Freunde gelungen — klare Empfehlung! Fehlt nun nur noch der Hinweis, dass Clock Opera im April auf Tour sein werden. Unter anderem auf dem Between the Beats Festival in Lörrach.

Clock Opera - Venn - Tribe Online Magazin
Clock Opera
Venn
(Imaginary Nations / !K7 / Indigo)

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Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.[BR] Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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