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Cixin Liu: Die wandernde Erde

Die Erde wird in absehbarer Zeit für den Menschen unbewohnbar sein. Wie könnte also unsere Überlebensstrategie aus Sicht unserer Raumfahrtorganisationen aussehen? Terraforming auf dem Mars! Okay, faszinierend! Der chinesische Science-Fiction-Autor Cixin Liu (oder eigentlich Liu Cixin; vor allem bekannt für seine “Trisolaris”-Triologie) denkt da aber etwas größer: In seiner Kurzgeschichte “Die wandernde Erde” (Originaltitel, transkribiert: “Liulang diqiu”) aus dem Jahr 2000 wird die Erde im — in jeder Hinsicht — größten Projekt der Menschheit schließlich selbst zum Raumschiff und soll praktisch in ein anderes Sonnensystem überführt werden.
Eben diese Erzählung macht den Anfang der “Cixin Liu Graphic Novel Collection” bei Splitter, für die verschiedene Autoren Geschichten des Sci-Fi-Meisters aus Fernost ins Comic-Format adaptieren. Wir haben uns mit auf die Reise begeben…

Die Sonne droht alles um sich herum zu verschlingen. Der kühne Flucht-Plan der Erde sieht also so aus: Es werden tausende Triebwerke, riesige Plasmakanonen, auf der Erdoberfläche errichtet. In der ersten Phase bremsen dann die entlang des Äquators positionierten Triebwerke, auch “Gottes Schweißbrenner” genannt, die Erdrotation, bis sich die Erde dann nach rund 40 Jahren gar nicht mehr um sich selbst dreht.
Dann werden wechselseitig weitere Triebwerke in Asien und in Nordamerika gezündet, um die Umlaufbahn der Erde um die Sonne immer mehr in eine Ellipsenform zu verwandeln, so dass sich die Erde nach 15 weiteren Jahren schließlich aus dem Einfluss der Sonne lösen kann.
Mit Hilfe derselben Triebwerke und einem Schleudereffekt durch die Gravitation des Jupiters wird dann die Erde auf Reisegeschwindigkeit gebracht. Und nach insgesamt ungefähr 2500 Jahren (puh, ich höre die Kinder schon “sind wir bald da?!” rufen) soll die neue Heimat, das Alpha-Centauri-System, erreicht sein. Zuvor müssen die Schweißbrenner des Herrn aber wiederum über Jahrzehnte hinweg in entgegengesetzte Richtung feuern, um den Planeten wieder abzubremsen.

© Splitter Verlag

Alleine die Dimensionen sind beeindruckend: 11.000 Meter in die Höhe ragende Triebwerke, ein Ziel, das 4,2 Lichtjahre entfernt ist und schließlich die etlichen Jahrhunderte und Generationen, die das ganze Vorhaben dauern soll.
So richtig “fühlbar” wird das alles aber durch die Auswirkungen auf das Leben der Menschen: Extreme Kälte und vereiste Meere genauso wie unerträgliche Hitze und brühend heißer Regen, jahrelange Helligkeit und jahrelange Nacht und Tsunami-Wellen von 100 Metern Höhe, die die einstigen Metropolen zerstören — um ein paar Beispiele zu nennen.

All das wird aus der Sicht eines Kindes der Bremsjahre, wie die Jahre der ersten Phase genannt werden, erzählt. Nach einer kurzen Einleitung lernt der Junge — und mit ihm natürlich der Leser — im ersten Kapitel (“Gottes Schweißbrenner”) mit seiner Schulklasse viel über das Projekt, beispielsweise bei einem Ausflug zu einem der Erdantriebe. Den Großteil des Buches nimmt aber das zweite Kapitel “Flucht” ein, in dem die Jahre der Flucht aus dem Sonnensystem und der Begegnung mit Jupiter beschrieben und der Junge zum jungen Erwachsenen wird.
Im dritten und letzten Kapitel (“Aufstand”) wird es dann schließlich noch etwas politischer. Da ich darüber gar nicht so viel verraten möchte, nur so viel: Mit “Helium-Blitz-Leugnern”, so will ich sie mal nennen, gibt es hier durchaus Parallelen zu unserer aktuellen Realität.

In bewährter Kooperation (siehe z.B. “Deepwater Prison”, aber auch “Olympus Mons” oder “Prometheus”) mit dem italienischen Zeichner Stefano Raffaele hat der französische Autor Christophe Bec (“Die schwarzen Moore”, “Vergessene Welt”, u.a.) diese Adaption ins Comic-Format vorgenommen. Dabei hält sich Bec, soweit ich das, ohne das Original zu kennen, durch etwas Recherche vermuten kann, sehr genau an die Vorlage aus China.
Dazu gelingt es Raffaele hervorragend, die dramatischen Geschehnisse eindrucksvoll in Szene zu setzen. Die hier und da eingestreuten formatfüllenden Zeichnungen — mal einfache, mal Doppelseiten sind ein wahrer Augenschmaus. Der besondere Clou sind aber die beiden Panoramaseiten zum Aufklappen, mit Zeichnungen über vier Seiten hinweg, also — das kommt dem Cinemascope-Format schon ziemlich nahe.

© Splitter Verlag

2019 wurde die Kurzgeschichte auch für das Kino verfilmt. Allerdings nicht von Hollywood, sondern in einem chinesischen Projekt — die bislang größte Sci-Fi-Filmproduktion aus dem Reiche der Mitte. Allerdings ist der Film natürlich sehr actionlastig und weicht auch inhaltlich einiges von der Vorlage ab und konzentriert sich fast ausschließlich um den Abschnitt, in dem die Erde Schwung bei Jupiter holen soll, ohne dabei auf dessen Oberfläche einzuschlagen.

Cixin Liu hat mit “Die wandernde Erde” mit Sicherheit das größte Projekt der Menschheit geplant.
Sorry, Hollywood, aber Kometen mit Atombomben vom Kollisionskurs mit der Erde abbringen wirkt dagegen ja sowas von lame!
Dazu hat der Autor vor allem Freude daran, das Ganze auch noch physikalisch, astronomisch und meteorologisch bis in Detail zu durchdenken und zu erklären, was es umso eindrucksvoller macht.
Je nach Geschmack kann genau das aber auch als Kritikpunkt gesehen werden. Die Geschichte ist schon ziemlich nerdig. Zwar ist auch eine kleine, nebensächliche Beziehungsgeschichte eingebunden. Die alleine — und meinetwegen noch die sonstige persönliche Ebene des Erzählers — schafft es aber nicht, außer technische Begeisterung für das Projekt und Erschrockenheit über die Auswirkungen noch viele weitere Gefühle aufkommen zu lassen.
Ich schlage mich hier aber klar auf die Seite der Sci-Fi-Nerds (für die übrigens noch eine Seite mit ein paar wissenschaftlichen Erläuterungen angehängt ist) und drehe den Daumen eindeutig nach oben.

Weiter in der “Cixin Liu Graphic Novel Collection”-Reihe geht es dann im Sommer mit “Yuanyuans Blasen”. Und für den kommenden Herbst ist “Meer der Träume” angekündigt.

Eine Leseprobe mit ein paar Seiten findet ihr, wie immer, auf der Verlagsseite zum Buch bei Splitter.Viele weitere Comic-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

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Über den Autor des Beitrags

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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