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Joe Hill: Das Puppenhaus

Unter dem Namen “Hill House Comics” ist eine Reihe von vorerst sechs durch Joe Hill kuratierten Horror-Comic-Titeln auf dem DC-Imprint “DC Black Label” (dem Nachfolger des seit 2020 eingestellten “Vertigo”) erschienen. Die ersten drei davon beschert uns Panini bis zum Jahresende in deutscher Fassung.
Den Anfang machte im Oktober bereits das von Hill — für den Fall, dass man das doch noch einmal erwähnen sollte: der Sohn von Horror-Großmeister Stephen King — selbst geschriebene “Ein Korb voller Köpfe” — hier unser Review dazu. Das zweite Buch der Reihe, “Das Puppenhaus”, hat dagegen mit (schwarzem) Humor so gar nichts zu tun und verbindet stattdessen realistischen und fantastischen Horror, Vergangenheit und Gegenwart und dazu ein Familiendrama zu einem durch und durch düsteren Gesamtwerk.

Deutsche Ausgabe: © Panini Verlags-GmbH

Im Zentrum der Geschichte steht Alice, die Anfang der Achtzigerjahre ein großes, antikes Puppenhaus von ihrer Großtante erbt. Schnell merkt das Mädchen, dass es mit den fünf Puppen des Hauses sprechen und sich mit Hilfe eines Spruches (“Ihr alle, kommt rein. Werdet gewogen und gewichtslos. Kommt raus allein.”) sogar selbst auf Puppengröße schrumpfen und die Familie im Puppenhaus besuchen kann. Und das ist eine großartige Sache für ein Kind, das häufig alleine spielen muss.
Parallel dazu wird eine zweite Story, beginnend im Jahre 1826, erzählt. Darin geht es um den Landvermesser Joseph Kent, der am Ende eines Arbeitstages eine mysteriöse Höhle an der Küste Irlands findet und sie kurzerhand neugierig erforscht. Aber von wegen “hundert Schritte, dann kehre ich um”… ganze acht Tage irrt er durch die Höhle und macht schließlich eine übernatürliche Entdeckung, die er im Nachhinein selbst als Halluzination einschätzt…

Alice nutzt die Möglichkeit, ins Puppenhaus gehen zu können, unterdessen immer mehr zur Flucht vor der Realität, denn ihre Eltern streiten sich häufig, sie bekommt mit, dass der Stiefvater ihre Mutter immer wieder schlägt, und später machen ihr auch noch garstige Gleichaltrige das Leben schwer. Aber wäre es eine Horror-Story, wenn das Puppenhaus die ersehnte heile Welt wäre? Eben! Im “Schwarzen Raum” ist nämlich etwas — nein, das Puppenhaus selbst ist etwas –, das ihre sehnlichsten Wünsche kennt und sie in große Versuchung führt…

Deutsche Ausgabe: © Panini Verlags-GmbH

Das Buch umfasst alle sechs Hefte bzw. Kapitel von “The Dollhouse Family”, wie “Das Puppenhaus” im amerikanischen Original heißt, und ist somit in sich abgeschlossen. Außer der Story selbst und einem Vorwort des Panini-Redakteurs Christian Endres, ist eine Galerie der sechs Variant-Covers (allesamt von Jay Anacleto) und ein Steckbrief über die drei (hauptsächlichen) Macher enthalten.
Deren Namen waren schon auf den Buchdeckeln einer anderen Vertigo-Serie (ebenfalls bei Panini erschienen) namens “The Unwritten – Oder das wirkliche Leben” in dieser Kombination zu lesen: Geschrieben wurde “Das Puppenhaus” nämlich von M. R. Carey, gezeichnet von Peter Gross (“Lucifer”, “Fables” oder auch “American Jesus”) und getuscht von Vince Locke (u.a. “Sandman”). Für die Farben sorgte die Brasilianerin Cris Peter, die als Koloristin für Marvel, DC, Dark Horse, Image und weitere arbeitet.

Während die Bebilderung durchweg gut gelungen ist, liegt die eigentliche Stärke des Buches trotzdem in der umfang- und detailreichen Story, die, trotz der phantastischen Elemente, sehr realitätsnah und deswegen umso packender wirkt. Es ist eben nicht nur übernatürlicher Horror, sondern zu einem großen Teil das persönliche Drama um Alice. Die Handlung umspannt, wie schon erwähnt, im Kern mehr als 150 Jahre. Sie geht von den Achtzigern gesehen aber auch noch etwas weiter in die Zukunft und hat ihren Ursprung sogar noch viel weiter in der Vergangenheit. Und natürlich hängt alles irgendwie miteinander zusammen.

“Joe Hill: Das Puppenhaus” ist düsterer, aber nicht sehr blutiger Horror (empfohlen ab 16 Jahren) mit einer klug aufgebauten und einer fordernd komplexen Geschichte. Ein zweiter Lese-Durchgang ist wärmstens zu empfehlen, weil dabei viele Details entdeckt und aufgenommen werden, die beim ersten (aber auch schon ausreichend verständlichen) Lesen noch untergegangen sind.Viele weitere Comic-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

Über das besprochene Medium

Joe Hill: Das Puppenhaus
M. R. Carey, Peter Gross, Vincent Locke
Softcover, 164 Seiten
(Panini)

Über den Autor des Beitrags

Gerald

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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