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Joe Hill: Schiff der lebenden Toten

Skurril schwarzer Humor mit abgetrennten Köpfen, ein Puppenhaus mit gruseligem Eigenleben, ein mysteriöses Kleinstadt-Drama mit starken weiblichen Hauptrollen und düstere Geisterbeschwörung im 19. Jahrhundert. Die von Joe Hill kuratierte “Hill House Comics”-Reihe aus dem DC-Black Label-Imprint hat uns nun schon einige ziemlich verschiedene Stories gebracht.
Nachdem der Meister den Startschuss zur Reihe mit “Ein Korb voller Köpfe” selbst abgegeben hat, legt er nun mit “Schiff der lebenden Toten” einen zweiten Titel aus eigener Feder nach und fügt der Reihe damit jetzt auch noch ein lovecraft’sches Kapitel hinzu, dessen deutsche Übersetzung wie die bisherigen “Hill House”-Veröffentlichungen bei Panini erschienen ist:

Nach einer heftigen Tsunami-Welle empfängt der US-Marinestützpunkt auf Attu, einer Insel der Aleuten in der Beringsee, plötzlich das automatische Notsignal des Vermessungsschiffs “Derleth”. Das Kuriose daran: Die Derleth gilt eigentlich als verschollen — und das nicht erst seit gestern, sondern schon seit rund 40 Jahren! Der Tsunami hat das Wrack wohl irgendwie wieder auftauchen lassen.
Kurzfristig beschließt die Firma Rococo International, in deren Auftrag die “Derleth” damals Unterwasserkartographie und Erdölsuche in den arktischen Gewässern betrieben hat, die Blackbox und die Leichen der Besatzungsmitglieder, im besten Fall auch noch wertvolles Forschungsmaterial zu bergen. Um nicht die Aufmerksamkeit der Russen zu wecken, die aufgrund der geografischen Lage möglicherweise ebenfalls Anspruch anmelden könnten, wird die kleine Bergungsfirma von Kapitän Carpenter angeheuert.
Vor Ort angekommen, im Sinnikik-Atoll, das vor Millionen von Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstanden ist, finden sie das Schiff auf einem Riff aufliegend vor. Auf der nahen Insel entdeckt das Bergungsteam außerdem auch schnell die Besatzung von 1982. Diese macht aber, zumindest auf den zweiten Blick, einen nicht ganz so toten Eindruck wie man eigentlich annehmen müsste. Außerdem ist offenbar keiner der Männer seit dem Unglück vor 40 Jahren gealtert und unter der Derleth schlummert auch noch eine Überraschung…

Joe Hill schreibt im Nachwort vollkommen offen, dass er das Ziel hatte, “Plunge”, so der Originaltitel des Comics, einem John Carpenter-Film nachzuempfinden. Darüber hinaus stellt er die These auf, dass sowieso die meisten Autoren beim Schreiben eigentlich den ganz großen Geschichten des jeweiligen Genres nacheifern. Und er fragt: Ist das dann Fanfiction?
Wie Christian Endres im Vorwort schon analysiert, wimmelt es in “Schiff der lebenden Toten” jedenfalls nur so von Referenzen: Namentlich ist das besonders an dem mysteriösen Schiff und dem Chef des Bergungsteams zu sehen. “Derleth” hieß schließlich ein Freund und gleichzeitig der erste Buchverleger von H. P. Lovecraft, und zu einem Käpt’n namens Carpenter bedarf es hier wohl keiner weiteren Erklärung. Und auch viele weitere Charaktere dürften nicht rein zufällig Brimley, Russell, MacReady, Weaver oder beispielsweise Bosley genannt worden sein.
Vor allem aber gibt es schließlich inhaltliche Verweise auf Lovecrafts Cthulhu und auf “Das Ding aus einer anderen Welt”. Fanfiction ist es dennoch nicht, es sind Verbeugungen vor den großen Klassikern.
Das Buch ist also als Hommage zu sehen, deren (übrigens mit den sechs enthaltenen Kapiteln abgeschlossene) Story nicht unbedingt originell ist, das aber in erster Linie wohl auch gar nicht sein will. So ganz klischeefrei kommen wir da außerdem auch nicht durch, und auch der eine oder andere Harte-Seemänner-Spruch wird geklopft. Der Spannung und der schaudernden Wirkung tut das aber absolut keinen Abbruch.

In Szene gesetzt wurde die klaustrophobische Einsamkeit, die düstere und raue Natur Alaskas und Joe Hills Ideen vom Kanadier Stuart Immonen, der bislang vor allem Superhelden-Comics („Legion of Super Heroes“, „Super Man“, „Hulk, „Thor“, Spider-Man“ usw.) gezeichnet hat und eher weniger im Horror-Genre unterwegs war. Hier hatte er aber sichtlich Spaß daran, Tentakel, krabbelnde Parasiten und die augenlosen Häupter der Dertleth-Besatzung zu Papier zu bringen.
Auf einigen Bonus-Seiten erfährt der Leser dann in einem Nachwort von Hill, zwei kurzen Interviews mit Hill und Immonen und der Original-E-Mail von Anfang 2019, mit der Hill dem Zeichner seine Ideen vorgestellt hat, einige Hintergründe zur Entstehung des Comics. Eingerahmt ist das alles in ein paar Skizzen und Bleistift-Zeichnungen von Immonen. Zu guter Letzt gibt es noch sechs sehenswerte, ganzseitige Variantcover von Gary Frank zu bestaunen.

Okay, “Schiff der lebenden Toten” ist nicht unbedingt eine der großen Geschichten von Joe Hill. Mit einer soliden und packenden Story und starker Optik ist es dennoch einer der besseren Titel im Horror-Comic-Regal und Freunden von Lovecraft und Klassikern im Stile von “The Thing”, “Alien” oder auch “Body Snatchers” gut zu empfehlen.Viele weitere Comic-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

Über das besprochene Medium

Joe Hill: Schiff der lebenden Toten
Joe Hill, Stuart Immonen, Dave Stewart
Softcover, 172 Seiten
(Panini)

Über den Autor des Beitrags

Gerald

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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