Prodigy: Die böse Erde

Ausnahme-Talente finden sich in den Reihen literarischer Helden en masse. Manche von ihnen haben ihre herausragende Stärke in besonders einem Bereich, andere wiederum sind wahre Multitalente und eigentlich nur zur Steigerung der Dramatik mit mancher Situation scheinbar überfordert.
Einem können sie aber alle ganz sicher nicht das Wasser reichen — nicht einmal zusammengenommen: Professor Edison Crane, dem neuen Wunderkind (englisch: “prodigy”) von Autor Mark Millar und Zeichner Rafael Albuquerque, die gemeinsam ja schon den vor Kraft strotzenden, dafür aber nicht gerade hellen Huck (hier unser Review zu “Huck: Held wider Willen”) erschaffen haben.

Deutsche Ausgabe: © Panini Verlags-GmbH

Seine außergewöhnliche Gabe macht sich schon im Kindesalter bemerkbar: Der kleine Edison guckt sich einfach ein paar Filme von Bruce Lee, Jackie Chan und Jean-Claude van Damme an und vermöbelt kurz darauf die Typen in der Schule, die ihn immer piesacken — mit feinsten Kampfkunst-Moves, versteht sich.
Heute ist Edison Crane erwachsen, stinkreich und für seine übermenschlichen Fähigkeiten in praktisch allen Bereichen weltweit bekannt. Er spielt gegen die hellsten Köpfe simultan Schach und setzt alle gleichzeitig schachmatt. Währenddessen (!) plant — bildlich gesprochen und auch so dargestellt — eine ganze Crew von Edison-Crane-Instanzen in seinem Kopf, wie es vermieden werden kann, dass ein riesiger Asteroid mit der Erde kollidiert. Und als ob das nicht schon längst genug wäre, nimmt er dazu hin und wieder Anfragen für schier unmögliche Stunts von den Kindern an, die ihn als Vorbild anhimmeln. Dieses Genie will ständig gefordert werden.

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Als es auf der ganzen Welt zu merkwürdigen Materialisierungen kommt und schließlich eine CIA-Agentin bei ihm auftaucht, die ihm in diesem Zusammenhang von einem gefährlichen Plan der “miesesten Typen der Welt” und einer “uralten Prophezeiung” erzählt und davon, dass er den Behörden in dieser Angelegenheit nicht trauen kann, sieht Crane darin ein reizvolles Rätsel, das seinem Intellekt angemessen erscheint.
Das gefährliche Abenteuer, in dem es natürlich um nichts weniger geht als die Rettung der Welt, führt die beiden dann quer über den Globus — zu Land, zu Wasser und in der Luft…

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Das Ganze hat natürlich ein bisschen was von Agenten-Story à la James Bond, und dann geht es auch noch als erstes nach Russland in den Kreml. Dazu kommen aber Science-Fiction- und Fantasy-Elemente — Stichwort: Parallelwelt — und einige aktuelle bzw. moderne Themen wie Verschwörungs-Theorien, der IS in Syrien, Geheimbünde oder der Large Hadron Collider in Genf. Ja, in der Story kommt definitiv sehr viel zusammen. Das passt aber schließlich dazu, dass Crane ja praktisch eine extreme Überzeichnung eines Helden mit den Genen sowohl eines Craig-Bond als auch eines Cumberbatch-Holmes ist. Die Übertreibung stört dabei also keineswegs. Schwierig ist allerdings, dass einem der Protagonist im Verlauf der Geschichte nicht so wirklich sympathisch wird. Er wirkt vermutlich einfach zu aalglatt, und man wäre selbst wohl schnell von seiner Art genervt, würde man ihn “live” erleben.
Die Szenen dieses “Atemlos durch die Welt”-Abenteuers wurden von Zeichner Albuquerque in packende Bilder gefasst. Bei den Gesichtern geht der Stil etwas hin zum Karikaturistischen. Es ist sicher eine Geschmacksfrage, aber diesen Stil fand ich bei “Huck” einiges passender als bei diesem — trotz der bewussten Übertreibung — irgendwie ernsteren und tougheren Inhalt.

Als zweiter Output (nach “The Magic Order”) von Millars eigenem Comic-Unternehmen Millarworld seit dessen Übernahme durch Netflix im Jahre 2017, soll “Prodigy” als Film beim amerikanischen Streaming-Dienst erscheinen. Genügend Action-Material dafür bietet die Comic-Miniserie um den Typen, der es vielleicht sogar mit Chuck Norris aufnehmen könnte, in den enthaltenen sechs Issues auf jeden Fall.Viele weitere Comic-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

Über das besprochene Medium

Prodigy
Die böse Erde
Mark Millar, Rafael Albuquerque
Softcover, 172 Seiten
(Panini)

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Gerald

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.[BR] Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.
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