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Sex Pistols – Die Graphic Novel

Wohl kaum eine andere Band prägte die englische Punkszene wie die Sex Pistols aus London, die Mitte der Siebziger mit provokanten Texten und skandalösen Auftritten plötzlich das Epizentrum bildeten. Sich die Instrumente beim “ollen Rod Stewart” klauen und, entgegen dem “Kunst kommt von Können”-Motto, mehr mit Anti-Attitüde als mit musikalischer Treffsicherheit punkten und dabei das pure Chaos entstehen lassen — so kann man den Plan der Band und ihrem Manager wohl ungefähr umschreiben. Trotzdem, und obwohl man sich nach rund drei Jahren und gerade einmal einem Studioalbum auch schon wieder aufgelöst hatte — der Einfluss auf die ganze Subkultur und ein gutes Stück weit auch darüber hinaus war enorm.
Bei Panini ist nun eine Graphic Novel von Jim McCarthy und Steven Parkhouse erschienen, die auf 100 Seiten die Geschichte rund um die Sex Pistols erzählt.

Alles beginnt in der King’s Road, in Chelsea, London. Auf Empfehlung von Bernie Rhodes kommt ein gewisser John Lydon — zum Vorsingen, wie sich herausstellt — in den Roebuck Pub, um dort “ein paar blöde Säcke” zu treffen. “Singen? Ich? Ich bin echt total verstimmt. Außerdem spiel ich eigentlich Geige.”, nervt Lydon hier gleich mal seine zukünftigen Kollegen. Im SEX, dem Szeneladen von Designerin Vivienne Westwood und Malcolm McLaren gibt Lydon dann doch “den einzigen verkackten Song auf der Jukebox”, den er singen könne, zum Besten: “Eighteen” von Alice Cooper. Seine energievolle Performance überzeugt. Der Rest ist Geschichte:
John Lydon wird unter dem Pseudonym Johnny Rotten zum gefeierten Sänger, Westwood zur modischen Ausstatterin und McLaren Manager der Band und, wie er selbst sagt, ihr “Erschaffer”. Es ist seine Vision, die das Ganze auf den Punkt zu bringen scheint: “Was wir erreichen wollen ist ein Zustand von musikalischem Chaos, eine dadaistische Narrative, basierend auf meinen situationistischen Ideen.”.

Deutsche Ausgabe: © Panini Verlags-GmbH

In vielen meist kleinen Schnipseln thematisiert die Graphic Novel dann den ersten Auftritt als Support-Act von Bazooka Joe in London, bei dem es Bierflaschen und Dosen auf die Bühne hagelt, ihre Wegbereiter “The Move”, die etwas unkonventionelle Equipment-Beschaffung, den exzessiven Drogenkonsum, die Herkunft der Familie Lydon aus der irischen Arbeiterklasse, die Bespitzelung durch den Inlandsgeheimdienst MI5 und so weiter und so fort.
Nicht viel später ersetzt John Ritchie alias Sid Vicious, das zweite bekannte Gesicht der Pistols, den bisherigen Bassisten Glen Matlock und die Band stellt die Musikwelt auf den Kopf und bringt nicht nur Pressevertreter sondern auch das britische Königshaus in Verlegenheit. Doch so überraschend und explosionsartig der Aufstieg passierte, so schnell fiel das Ganze nach eben nur drei Jahren wieder in sich zusammen. Was bleibt ist ein gefeiertes Studioalbum (“Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols”), mit zwei der größten Songs des Punk-Genres: “God Save the Queen” und “Anarchy in the U.K.” — und natürlich ein bleibender Eindruck auf weite Teile der nachfolgenden Musikwelt.

Comics und Musik — diese beiden Welten hat der britische Comic-Autor und Musikjournalist Jim McCarthy in den letzten Jahren in einer langen Reihe von Graphic Novels wie dieser verbunden: Michael Jackons Story hat er genauso in dieses Format gebracht wie die von Guns N’ Roses, Kurt Cobain, Eminem, Bob Marley, 2Pac. Die deutschsprachige Ausgabe seiner Graphic Novel über die Thrash-Urgesteine von Metallica ist übrigens ebenfalls schon bei Panini angekündigt.
Vieles reißt McCarthy hier nur an und vieles wirkt dabei auch wie verstreute Puzzleteilchen — was natürlich zum Chaos-Prinzip der Band nicht unpassend scheint. Einiges ist dadurch sicher auch etwas schwer im Detail zu verstehen. Aber so lädt das Buch schließlich auch zum Selbst-weiter-forschen ein.

Deutsche Ausgabe: © Panini Verlags-GmbH

Die Zeichnungen im Buch, das übrigens, wohl angelehnt an das Albumcover, mit knallig punk-, nein, pinkfarbenem Hardcover mit grell gelber Schrift und Spotlack schon äußerlich einiges her macht, stammen aus der (digitalen) Feder des Briten Steven Parkhouse. Auf den letzten paar Buchseiten zeigt er, wie er die “Everest-Besteigung ohne Sauerstoff oder Seile” (das Zeichnen einer Graphic Novel über prominente Personen) angegangen ist. Die schwere Aufgabe, die Personen gut erkenntlich wiederzugeben, ist ihm, meiner Meinung nach, größtenteils gelungen — auch wenn die Gesichter der Bandmitglieder zum Teil etwas zu alt wirken. Besonders stark wirken natürlich die paar großformatigen Zeichnungen, die Johnny Rotten voller Energie beim Singen zeigen.

Wie es mit derlei Graphic Novels eben in der Regel so ist: Wer sich nicht schon ausgiebig mit der Bandgeschichte befasst hat, wird hier einige interessante Hintergründe finden. Für ausgewiesene Fans sind die gesammelten Facts dagegen alte Hüte. Einen wirklichen Mehrwert an Informationen darf man auch von diesem Buch nicht erwarten.
Der Mehrwert ergibt sich, im Vergleich zu einer umfassenderen Biographie in Textform, stattdessen durch das andersartige, grafische Format und die etwas freiere Art der Erzählung. Beides finde ich hier auch durchaus gelungen.
Gelungen auch das gänzlich fiktive Ende des Ganzen, in dem der heutige, gealterte Lydon sein eigenes Fazit zieht.
Punk is Dad!Viele weitere Comic-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

Über das besprochene Medium

Sex Pistols – Die Graphic Novel
Jim McCarthy, Steven Parkhouse
Hardcover, 100 Seiten
(Panini)

Über den Autor des Beitrags

Gerald

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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