Amorphis & Soilwork – Z7 Pratteln (16.02.2019)

Zwei Schwergewichte des Melodic-Death-Metal gehen zusammen auf Tour, nehmen noch eine Death-Core sowie eine Death-Doom-Band mit auf Tour und feiern ihren Abschluss im Z7 in Pratteln. Manch einer würde behaupten, so ein Line-Up sei übertrieben für die angestrebte Hallengröße, andererseits können die Bands so regelmäßig in ausverkauften Venues spielen. So auch beim großen Finale in der Schweizer Kult-Location.

30 Konzerte in etwas mehr als fünf Wochen durch halb Europa sind eine Ansage, die nicht nur von den Bands Höchstleistungen verlangt. Die längste Pause ist gerade einmal zwei Tage lang, meist werden fünf Konzerte ohne Pause hintereinander gespielt. Das zehrt an den Kräften, doch davon war nur wenig zu spüren.

Es ist einer der ersten sonnigen Tage des Jahres, die Türen zum Z7 öffnen früh, schon um 17.30 Uhr ist Einlass, doch der bereits jetzt schon langen Schlange steht ja auch ein straffes Programm bevor. Die Sonne sorgt schon beim Einlass für eine erhöhte Endorphin-Ausschüttung, eine ausgelassene Stimmung macht sich breit, und vor der Halle wird der Gemütlichkeit gefrönt.

Um 18.10 eröffnen „Nailed to Obscurity“ den Abend. Die fünf Ostfriesen beschreiben ihre Musik selbst als Melodic-Death-Doom. Ihren Namen wählten sie nach dem gleichnamigen Song vom Debütalbum von „Hate Eternal“. Das Z7 ist zu diesem Zeitpunkt schon ordentlich gefüllt, selten genug für so frühe Stunde. Mit ihrer melancholischen Lead-Gitarre, den dumpfen Drums und dem Progressive-Rock angelehnten Songstrukturen, weben die die Nordlichter einen düsteren Klangteppich, der zum sanften Kopfnicken einlädt. Das nur knapp 30 Minuten lange Set besteht in erster Linie aus Songs des aktuellen Albums „Black Frost“, mit dessen Titelsong auch eingestiegen wird.

Sänger Raimund Ennenga versteht es gekonnt, die gewünschte Stimmung im Publikum zu verbreiten, und lässt es sich trotz der knapp bemessenen Zeit nicht nehmen, in ein paar kurzen Moderationen mit dem Publikum zu interagieren und den Gastgebern des Abends zu danken. Zum Ende des Sets hat sich bereits jeder Ticketbesitzer in der Halle eingefunden, was zu schnell steigen Temperaturen und Hochstimmung im Publikum führt. Leider versagt dem Frontmann in machen Clean-Vocal Passagen die Stimme, ein Problem was im Laufe des Abends nicht nur ihn treffen wird und wohl dem anstrengenden Tourplan geschuldet ist. Die Menge honoriert die Anstrengungen. So kann sich die Band mit dem langsamsten Spieltempo des Abends, unter großem Applaus von der Bühne verabschieden, um Platz für die nächste Runde in diesem Death-Fest zu machen.

Death-Metalcore mit Einflüssen von Djent-, Progressive- und Groove-Metal aus der Ukraine — klingt in der Beschreibung genauso verwirrend wie es sich auf der Bühne darstellt. Brachial geht „Jinjer“-Frontfrau Tatiana Shmaylyuk zu Werke, und man wundert sich ein wenig wo diese kleine zierliche Person ihre tiefen Growls herholt. Obwohl es die Band schon seit 2009 gibt, musste der internationale Durchbruch etwas warten, bis 2016 bei Napalm Records unterschrieben wurde und so der Grundstein für mehrere Europatourneen gelegt wurde.

Größter Treiber im Sound ist Bassist Eugene Abdiukhanov der 2011 zur Band stieß. Er schafft es auf beeindruckende Weise seinen Bass nicht nur als Core-typisches Rhythmus-Element zu nutzen, sondern zaubert immer wieder Melodien, die die selbst gewählten Einflüssen von Opeth und Gojira deutlich machen. Insgesamt ist die Band aber dennoch zu basslastig abgemischt, was den Sound teilweise etwas matschig erscheinen lässt. Das schlägt sich leider auch auf die Stimmung im Publikum nieder. Die teils merkwürdig erscheinenden Songstrukturen sorgen teils für fragende Gesichter. Dennoch bekommt auch vierköpfige Core-Band ihren Szenenapplaus als nach 45 Minuten ihre Bühnenzeit endet.

Für die Stage-Crew gibt es nun etwas mehr zu tun. Während „Nailed to Obscurity“ und „Jinjer“ noch auf der abgehängten Front-Stage spielen mussten, wird nun die gesamte Fläche geöffnet. Sechs Leute brauchen Platz, vor allem weil „Soilwork“-Keyboarder Sven Karlsson gefühlt einen halben Ausstellungsraum mitgebracht hat. Die Schweden veröffentlichten während der Tour ihr aktuellstes Werk „Verkligheten“ (hier unser Review), da verwundert es wenig, dass das Intro und der erste Song „Arrival“ für den Einstieg genommen werden. Als eine der prägendsten Bands des Melodic-Death beweisen die sechs Klangkünstler in einem abwechslungsreichen Set ihre Qualitäten und reißen das Publikum mit jedem Song aufs Neue mit. Evergreens wie „The Akuma Afterglow“, „The Phantom“ und „Witan“ laden neben exzessivem Headbangen auch zum Mitsingen sein.

Die Menge im randvollen und ausverkauften Z7 wiegt sich zu den Melodien und springt im Takt, während die Band auch beim dreißigsten Konzert der Tour noch immer eine gigantische Energie versprüht. Nur in den ruhigeren, klaren Passagen bekommt Frontmann Björn „Speed“ Strid die Quittung für diesen ambitionierten Tourplan, als ihm teilweise die Stimme versagt. Vollprofi wie er ist, lässt er sich aber nichts anmerken und witzelt stattdessen mit dem Publikum herum. Das Publikum liebt den klaren unverwechselbaren Sound, singt immer wieder frenetisch mit und reißt die Hände in die Luft, um die Band zu feiern.

Kurz vor Ende, beim Klassiker „Witan“, bekommt Gitarrist Sylvain Coudret noch eine Rose zugeworfen, die er ganz im Sinne des knapp verpassten Valentinstags, für den Rest des Songs im Mund trägt. Wie die Romanze ausgeht, werden wir leider nicht mehr erfahren, aber die Band haut noch zwei weitere Songs in den Äther, wobei der Abschluss von „Stålfågel“ gebildet wird. Dieses Schwergewicht der Bandgeschichte widmet die Band der gesamten Crew, den Busfahrern, Merch-Verkäufern und Unterstützern, die diese Mammut-Tour möglich gemacht haben. Als die sechs Schweden nach 80 Minuten die Bühne verlassen wollen, werden sie vom Jubel der Menge noch lange oben gehalten. Aber den Gesichtern ist auch eine gewisse Erleichterung anzusehen.

Im Sommer geht es weiter mit einer ausgedehnten Festivaltour. Wer die Legenden des Melodic-Death-Metal auf dieser Tour verpasst hat, hat von Juni bis August noch auf einigen Festivals Gelegenheit, sie zu erleben. In Deutschland spielen die sechs unter anderem auf dem Reload-Festival, dem Rock-Harz sowie dem Summer Breeze auf.

Um 22.00 Uhr wird die letzte Runde eingeläutet. Mit „The Bee“ vom aktuellen Album „Queen of Time“ eröffnen „Amorphis“ ihre Zeit im Z7. Ab dem ersten Ton ziehen sie die Zuschauer in ihren Bann, Frontmann Tomi Joutsen kann seine gesamten Qualitäten unter Beweis stellen und lässt immer wieder verwunderte Blicke zurück, wenn er von seinen brachialen Growls zu seiner samtig weichen Clean-Stimme wechselt. Kein bisschen müde wirkt die Band. Sie legt eine unvergleichliche Spielfreude an den Tag und schäkert immer wieder mit den Zuschauern.

Das Set bietet Raum für ausschweifende Sing-Along-Parts mit dem Publikum, sodass „Amorphis“ an diesem Abend definitiv zu den Interaktions-Königen werden. Eine gute Mischung aus Songs von „Queen of Time“ und älteren Werken sorgt für Hochstimmung und bringt Pratteln zum Kochen. Auch der 2017 wieder zur Band zurückgekehrte Hintergrundgesang von Olli-Pekka „Oppu“ Laine trägt seinen Teil zum ausgewogenen Klangbild bei. Die Qualitäten der Finnen zeigen sich immer wieder, weil sie es schaffen, ihre komplexen Arrangements auch auf der Bühne so sauber klingen zu lassen, als seien sie gerade im Studio produziert worden.

Zum Start von „Black Winter Day“ darf sich Keyboarder Santeri Kallio ein wenig austoben und bekommt Luft für ein kleines Solo. Als einzige Band des Abends gönnt sich Amorphis eine kleine Pause zum Atemholen, doch die lautstarken Rufe nach mehr, lassen die sechs Finnen schnell wieder zurück eilen. Die zwei Zugaben vergehen wie im Flug, „Death of a King“ und „House of Sleep“ sind einfach gigantische Kompositionen, die das Publikum an den Rand ihrer Lautstärkegrenzen bringen. Die gut sichtbare „dB-Anzeige“ im Z7 beweist, dass sich gerade alle verausgaben, um nochmal alles aus diesem Abend heraus zu holen. Natürlich vergisst auch „Amorphis“ nicht, nochmal allen Beteiligten zu danken — allen voran der Crew.

Als der letzte Ton verklingt wirken die Finnen immer noch nicht müde, würden am liebsten immer weiter machen. Doch die Auflagen des Z7 fordern ihren Tribut, sodass auch hier nach 80 Minuten Bühnenzeit Schluss ist. Fast vier Stunden Spieldauer bringen alle Bands dieser Tour zusammen auf die Bühne. Das ist auch für das Publikum ein Brett, sodass durchaus einige im Publikum nun froh sind, dass der Abend vorbei ist. Getragen von der Energie, die diese Bands versprühen, spürt man in der Menge die Strapazen kaum. Doch kaum werden etwas weniger Endorphine ausgeschüttet, spürt man seine Füße, die älteren auch ihren Rücken, und bewegt sich gut gelaunt Richtung Ausgang.

Die Kombination der Bands ist gigantisch. Alle Freunde des Genres sind mehr als auf ihre Kosten gekommen, und auch die Protagonisten hatten sichtlich ihren Spaß. Als Einzige gönnen sich „Amorphis“ keine größere Pause, sondern gehen im März direkt auf eine ausschweifende Osteuropa-Tour, bevor es im April weiter nach Südamerika geht, um im Sommer wieder nach Europa zurück zu kehren. Sage und schreibe 60 weitere Gigs stehen dieses Jahr noch auf der Bookinglist. Das lässt den Autor sprachlos zurück, denn er war nach einem Abend mit diesem wahnsinnigen Line-Up schon völlig K.O.

 

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Hört am liebsten Symphonic- sowie Powermetal, kann sich aber auch für Pagan und Metalcore begeistern. Wenn er gerade einmal nicht mit Achterbahnen spielt, ist die Kamera im Anschlag.

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