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Iggy Pop mit Support Fémina
15.07.2019 Stimmen Festival Lörrach

Sonntag, früher Abend. Von diversen Schauern frisch gewaschen glänzt der Marktplatz von Lörrach. Die schon zahlreich erschienenen Konzertbesucher drängen sich unter dem Vordach, da sich die Himmelsschleusen immer mal wieder öffnen. Die Stimmung ist trotz der feucht-kühlen 20 Grad gut, die Couleur der Masse farbenfroh, geschuldet der Regenkleidung, die die Bestimmung der Szenezugehörigkeiten erschwert.

Punk-Attitüde Vs. Argloser Wohlstand

Vom Altpunk bis zum Anzugträger, von der Dauerwelle bis zur Arbeitskleidung mit dem flugunfähigen Riesenvogel war eigentlich alles zu sehen, nebst der zahlreichen angereisten und scheinbar teilweise auch mitgereisten Fanclubs.

Fémina

Die argentinische Band Fémina um Clara Trucco, Sofía Trucco und Clara Miglioli hatten es dem Urvater des Punk mit ihrem Mix aus Folklore, Rap und Pop wohl besonders angetan, so dass er das Trio, unterstützt von einem Multiinstrumentalisten, gleich für die Tour als Support verpflichtete. Stimmen-Chef Markus Muffler, der den Festivalabend mit seiner Ansprache eröffnete äußerte noch den frommen Wunsch, man möge doch den Regenunterstand verlassen und zur Bühne aufrücken. Ein Unterfangen, das sich die Band erst tapfer erspielen musste. Zu Beginn mit akustischen Instrumenten wie Ronroco, Gitarre, Querflöte und Cajon, gezuckerter mehrstimmiger Melodik und Sprechgesang. Nach etwa der Hälfte des Sets ein raffinierter Plottwist, hin zu poppig und funky mit Gitarre, Bass und E-Drum. Ihre Anliegen, die sich um politische Themen und Feminismus drehen, brachten sie wortreich auf Spanisch zu Gehör. Schade, dass zu dem Zeitpunkt das Wetter nicht so richtig mitgemacht hat, die Band, die den letzten Gig für diese Tour bestritt, hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.

Iggy & his little Big Band

Im Gegensatz zur Umbaupause erschien das sich bis zur Hysterie steigernde Psychostreicherintro endlos lange. Das Publikum bejubelte währenddessen schon den am Bühnenrand mit freiem Oberkörper auf und abhüpfenden Iggy Pop. Die Erlösung kam mit Opener „I Wanna Be Your Dog“. Der Sound druckvoll, mit zwei Gitarren, einem heftig wummernden Bass, Schlagzeug sowie Keyboards und zwei Bläsern, die noch etwas Backgroundgesang mit erledigten.

Iggy übernahm die Bühne mit ausgemergeltem Körper, den Rest füllte sein Ego; eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Von Beginn an flogen immer mal wieder Bierbecher, und auch die Security hatte Einiges zu tun, enthemmte Damen und Herren vom Catwalk oder der Bühne zu holen. Ja, Catwalk und Bühnengraben waren beliebte Ausflugsziele des mittlerweile 72-jährigen, der seinerseits die Aggressionen eher an den Mikrofonständer als – wie einst – sich selbst richtete. Diese Eskalationen wirkten aber eher kontrolliert. Auch ein Sessel gehörte zum Bühnenbild, was zu den Storyteller-Songs gepasst hätte, tatsächlich hielt es den Meister aber vielleicht insgesamt 20 Sekunden darauf, ganz der nimmermüde Entertainer, der sich auch gebührend feiern ließ.

Hits, Kakophonien und Blechschaden

Recht früh wurden also die großen Hits gezündet, „The Passenger“ und „Lust For Life“ dem feiernden Publikum dargeboten. Das Set konnte aber auch mit Spezialitäten aufwarten, mit dem Bowie-Song „The Jean Genie“ wurde dem Mentor gehuldigt, „Night Clubbing“ versetzte den Meister in die absurde Situation, sich zu verhüllen; bei diesem Song kamen auch die Bläser voll auf ihre Kosten. Wähnte man die Bläser mitunter vielleicht als Too Much, so trieben sie die in Lärm ausufernderen Stücke mit ihrer scharfen Blechkante noch auf die Spitze. Gut eineinhalb Stunden Iggy & The Stooges, Iggy Pop und das Nick Cave-Cover „Red Right Hand“ als Zugabe, die Setlist konnte sich sehen/hören lassen.

Post Pop Depression oder Lust For Life?

Definitiv Lust For Life. Fémina hatten an diesem Abend Bock, Iggy hatte Bock und die Band hatte auch Bock. Und das Publikum sowieso. Während auf der Terrasse des Hotels Drei König der Sekt mit abgespreiztem Finger ausgesüffelt wurde, stand der Altpunk verplant aber selig lächelnd mit Sonnenbrille im Dunkeln. Fuck Yeah!

Setlist

Intro
I Wanna Be Your Dog
Gimme Danger
The Passenger
Lust for Life
Skull Ring
I’m Sick of You
Some Weird Sin
Repo Man
Search and Destroy
T.V. Eye
Mass Production
The Jean Genie
1969
No Fun
Down on the Street
Real Cool Time
Nightclubbing
Sixteen
Five Foot One
Real Wild Child (Wild One)

Zugabe:
Red Right Hand

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Chris

Hört gerne Musik und redet/schreibt darüber.

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