Konzertbericht/Fotos: In Flames (+Light the Torch & Norma Jean)
18.04.2019 Komplex 457, Zürich (CH)

In Flames gelten als Mitbegründer des Melodic-Death-Metal und haben, ebenso wie die Kompagnons von Soilwork, ein neues Album rausgebracht. „I, The Mask“ geht einen etwas anderen Weg und wirkt etwas softer als die Vorgängerplatten. Zu einem neuen Album gehört nach den alten Gesetzen des Musikbusiness auch eine Tour, und so sind die fünf Schweden im Moment wieder in der ganzen Welt unterwegs. In Deutschland stehen allerdings nur zwei Festivals für den Sommer auf der Liste. Also musste es zum nächstgelegenen Konzert in die Schweiz gehen. Genauer gesagt nach Zürich.

Das Komplex 457 liegt mitten in der Stadt, was das Parken nicht unbedingt einfacher macht.  Wenn eine Halle für 1800 Leute allerdings gar keine eigenen Parkplätze besitzt, ist das für auswärtige Besucher schon ein echtes Problem. Das nebenan gelegene Einkaufszentrum schafft Abhilfe, ist allerdings so verwinkelt, dass man kaum den richtigen Ausgang findet. Gut, Letzteres kann man den Veranstaltern nicht anlasten, sorgt aber bei den Gästen nicht gerade für Hochstimmung.

Eine halbe Stunde bevor die erste Band Light the Torch die Bühne betrat wurden die Türen zur Halle geöffnet. Durch die doch noch recht frischen Temperaturen hatten nicht wenige Gäste eine Jacke dabei. Wenn man allerdings bis weit nach der ersten Band braucht, um diese überhaupt abzugeben, dann muss man doch stark an der Organisation der Venue zweifeln. Während also ein Großteil noch verzweifelt versucht, seine Jacken loszuwerden, stürmen die Vier aus Los Angeles die Bühne und versuchen, ihren Metalcore in die Halle zu blasen. Der Sound ist dabei allerdings so mies, dass in den Gesichtern des Publikums nur fragende Blicke zu sehen sind. Während man in den ersten Reihen nur die Verstärker der Band hört, ist es schon links und rechts vom Mischpult so übersteuert dass einem die Ohren klingeln. Auf der Empore fehlen die Bässe komplett, und der Sound wirkt einfach zu dünn.

Sänger Howard Jones nimmt man in diesem Geräusch-Matsch kaum war, auch wenn er stimmlich gut drauf ist. Howard Jones kann man kennen, denn er war früher Sänger bei Killswitch Engage, bis er Ende 2012 bei der Band einstieg, die sich damals noch „Devil You Know“ nannte. Musikalisch ist es eher Durchschnittsware, handwerklich okay, aber der schlechte Sound erlaubt es gar nicht erst, dies weiter zu differenzieren. Schade, denn ich glaube da geht noch mehr. Das sieht auch das Publikum ähnlich, denn nach dem 30-Minuten-Set gibt es zumindest einen respektablen Anstandsapplaus.

Norma Jean müssen es also richten. Mit mehr als 20 Jahren Banderfahrung sollten die Fünf aus der Nähe von Atlanta ja eigentlich Profi genug sein, das Publikum anzuheizen. Nach nur 20 Minuten Umbauzeit betritt die Band die Bühne, spielt ihren ersten Song und bricht dann ab. Wunderlich war schon, dass das Hallenlicht noch an war, und keine merkliche Lichtshow zu sehen war. Aber nicht nur der Lichttechniker, auch der Kollege für den Sound scheint seinen Einsatz verpasst zu haben. Die PA war einfach aus, und außer den Verstärkern auf der Bühne war nichts zu hören. Das Problem scheint aber ein größeres gewesen zu sein. Die Unterbrechung dauerte nochmal 15 Minuten, bis dann um 20.40 Uhr endlich das reguläre Set beginnen konnte.

Gelernt hat man aus dem Lautsprecher-Brei von Light the Torch auf jeden Fall nichts. Auf der Empore ist es dieses Mal am besten, aber noch weit entfernt von akzeptabel. Auf meinem Weg dorthin komme ich wieder an einer Garderobenschlange vorbei. Immer noch versuchen verzweifelte Menschen ihre Oberbekleidung loszuwerden. Dies wird auch immer wichtiger, denn die Temperaturen in der Halle steigen langsam in unangenehme Höhen. Seinen Durst darf man dann mit überfordertem Thekenpersonal ausdiskutieren, oder aber zur leeren Theke im Vorraum pilgern. Dort bekommt man wenigstens von der Band nichts mit, die sich zwar sichtlich abmüht, aber es nur selten schafft, wirklich zum Publikum durchzudringen.

Es ist schon ein wenig bezeichnend, dass ich in 600 Wörtern bisher kaum etwas über die Bands geschrieben habe. Die teils katastrophale Situation in der Halle überschattet leider jegliche Anstrengungen der Vorgruppen. Erst nach einer deutlichen Aufforderung durch Frontmann Cory Putman bildet sich ein kleiner Circle Pit. Dies sollte auch die einzige größere Interaktion in dem 40-minütigen Set bleiben, welches durch viele lange Moderationspausen aufwartet und dann auch noch ein langes unspektakuläres Outro mit sich bringt. Schade eigentlich, denn der Metalcore wartet teilweise mit durchaus komplexem Drums und spannenden Gitarrensoli auf, geht aber einfach in der allgemein schlechten Grundstimmung unter.

Nächstes Jahr feiern „In Flames“ ihr dreißigjähriges Jubiläum. Genug Material ist auf jeden Fall da, für ein fettes Set.  Um 21.45 Uhr betreten die Schweden endlich und heiß erwartet die Bühne. Die Verzögerung bei Norma Jean hat es spät werden lassen, bevor die Headliner loslegen. Wenigstens stehen nun keine Menschen mehr an der Garderobe an. Die Halle ist prall gefüllt, die Temperaturen im Inneren hoch. Auf der Empore fehlt nur noch die Holzvertäfelung, um eine schwedische Sauna perfekt nachzubilden.

Der Soundmischer hat auf jeden Fall den Regler für die Bässe gefunden. In den ersten Reihen zerfetzen einem die Under-Stage-Subwoofer das Zwerchfell. Fast keine anderen Frequenzen kommen mehr an. Die vielen tiefen Decken und die Unmengen an Beton, die im Komplex 457 verbaut wurden, machen es quasi unmöglich, die Halle vernünftig abzumischen. Wenn das Line-System im hinteren Teil der Halle dann auch noch einfach aus ist, macht es das nicht besser. So kommt vielleicht ein Viertel der Zuschauer in den Genuss eines halbwegs akzeptablen Sounds.

Die Schweden rund um Anders Fridén lassen sich aber nichts anmerken und zeigen wer wirklich die Profis des heutigen Abends sind. Mit „Voices“ kommt direkt ein fetter Einstieg, und die Menge klebt an den Lippen des Frontmanns. Klar dass „I, The Mask“ das Set dominiert, doch auch für ältere Werke wie „Monsters In The Ballroom“ oder „The Truth“ ist Platz. Das Publikum zeigt sich bei diesen Songs allerdings weniger textsicher und teilweise verwirrt. Im vorderen Teil der Halle ist die Stimmung allerdings nach wie vor gut. Diverse Crowdsurfer sind in der Luft und geben der Security ausgiebig zu tun.

Während „This Is Our House“ gefeiert wird ohne Ende, wird die wunderschöne melodische Ballade „The Chosen Pessimist“ einfach totgelabert.
Es ist in meinen Augen zu einer absoluten Unsitte verkommen, dass bei ruhigen oder unbekannteren Songs so viel im Publikum geredet wird. Die, die sich versuchen auf die Musik einzulassen, haben so keine Chance mehr etwas mitzubekommen. Dass es nicht nur mit so geht, bewiesen einige Reaktionen in Richtung der Störenfriede, die leider wenig bis keine Wirkung zeigten.

In Flames lassen sich allerdings nichts anmerken und ziehen ihr Set gnadenlos durch. Nicht ohne immer mal wieder ein wenig zu improvisieren oder Witze mit dem Publikum zu reißen. Gitarrist Björn Gelotte schwingt sich dabei immer wieder zu Höchstleistungen auf und knallt seine Soli in Richtung der Betonwände. Zu „I Am Above“ kommt nochmal Cory Putman von Norma Jean mit auf die Bühne und darf nochmal zeigen was er kann wenn alle Technik funktioniert.

Nach 100 Minuten ohne Zugaben ist Schluss. Viele sind froh aus der Halle rauszukommen, denn die Luft ist mittlerweile unerträglich. Obwohl kaum gepogt oder gesprungen wurde, ist fast jeder durchgeschwitzt. Meine Schlange ist nicht die an der Garderobe, sondern die an den zwei Parkautomaten des Einkaufzentrums. Den Preis für das Parkticket verrate ich an dieser Stelle nicht. Ein zweites Konzertticket wäre das aber schon fast gewesen.

Die „In Flames“ haben auch noch nach fast 30 Jahren eine gigantische Bühnenpräsenz, Spielfreude und Energie. Die Umstände dieses Konzertes mit der mehr als mangelhaften Leistung der Venue haben aber für viele getrübte Mienen und einen mehr als faden Beigeschmack gesorgt. Bleibt zu hoffen, dass andere Hallen diese Legenden mehr zu schätzen wissen und kommenden Open Airs einen angemessenen Rahmen bieten.

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Eightrocks

Hört am liebsten Symphonic- sowie Powermetal, kann sich aber auch für Pagan und Metalcore begeistern. Wenn er gerade einmal nicht mit Achterbahnen spielt, ist die Kamera im Anschlag.

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