Käptn Peng & die Tentakel von Delphi + Umse
30.07.2019 ZMF, Freiburg

Ja, das diesjährige ZMF-Programm hat schon irgendwie einen ordentlichen Rap-/Hip-Hop-Drall. Samy Deluxe, Max Herre, GReeN, Moop Mama und Dendemann stehen ja alle irgendwie für verschiedene Facetten von Musik mit Sprechgesang. Und auch die beiden Acts, die für den letzten Festival-Dienstag angekündigt waren, gehören noch mit auf die Liste: Umse und Käpt’n Peng & die Tentakel von Delphi hatten auf halb Acht zu einem der mittlerweile gängigen und lohnenswerten Doublefeatures im Zirkuszelt eingeladen.

Mit dem ersten Slot startete der nordrhein-westfälische Rapper Christoph Umbeck alias Umse, der schon seit mehr als zehn Jahren im Business aktiv ist, in dieser Zeit ein halbes Dutzend Alben produziert hat, hier und da auch mal eine Chartplatzierung landen konnte, dessen Name aber die ganz große Runde irgendwie noch nicht gemacht hat. Als er anfangs fragt, wer denn vorher schonmal was von ihm gehört hat, strecken dennoch immerhin rund 50% der Zuschauer die Hände Richtung Zeltdach.
Gewiss ist aber, dass er nach diesem Auftritt (wie nach nahezu jedem, vermute ich) wieder einige Fans mehr zählen darf, denn die Musik weiß einfach, live zu überzeugen. “Der Untergrund vibriert als würden die Dinos kommen”, rappt Umse in “Erdbeben”. Dafür, dass der Zeltbau dann auch tatsächlich zittert, sorgt der mit auf die Bühne gekommene DJ WolloW, der im Hintergrund am Pult bzw. vor Notebook und sonstigen Devices steht, mit jedem Song dicke Hooks pumpen lässt und dazu immer wieder auch klassisch scratcht.
Das Ganze ist musikalisch dann letztendlich äußerst hörenswerter Old-School-Hip-Hop. Die Texte wirken frisch und bieten zwischen Persönlichem und Politischem (beispielsweise “Mücken und Elefanten” mit Blick in Richtung AfD: “Und ich stell’ die Frage: Habt ihr keine anderen Probleme?!”, oder in “Mach das Kleine groß”: “Überall wird investiert, ganz egal wer profitiert. Einer gewinnt, einer verliert. Der Große wächst, der Kleine stirbt.”) viele starke Zeilen. Ins Mikro gepustet wurden diese dann übrigens von zwei MCs, denn Umse wurde bei den Vocals sowie bei der umtriebigen Performance schließlich vom Produzenten und MC Deckah unterstützt.
Gespielt wurden hauptsächlich die Songs vom aktuellen Album “Durch die Wolkendecke” (2018). Highlights waren beispielsweise “Bruce Banner”, zu dem die Bühne in grünes Licht getaucht wurde und “Jederzeit”, zu dem jeder, der “seinen eigenen Struggle” im Leben hat und ahnt wie die Zeilen gemeint sind, die Faust in die Luft streckte.
Nach 50 Minuten gingen die drei erst einmal von der Bühne, ließen das Publikum dann aber sicherheitshalber nicht lange zappeln. “Wir haben uns ein bisschen verkalkuliert. Wir haben noch vier Minuten, aber noch mehr Songs.”, hieß es dann nach der ersten Zugabe “Berg auf”. Danach folgte noch “Feiert das” und mit “This Loneliness”, zu dem das Publikum kräftig mitsang, ein weiteres Stimmungs-Highlight, bevor das Set mit “In Aufruhr” dann endete und sich die Combo, merklich angetan von der guten, ihrer Musik gegenüber aufgeschlossenen Stimmung, endgültig verabschiedete.

Setlist: “Bescheid”, “Durch die Wolkendecke”, “Mücken und Elefanten”, “Erdbeben”, “Freunde sein”, “Das’Das”, “Mach das Kleine groß”, “Wenn die Ferne ruft”, “Rush Hour”, “Menschen”, “Bruce Banner”, “Zieh’s dir rein”, “Jederzeit”, “Berg auf”, “Feiert das”, “This Loneliness”, “In Aufruhr”

Galerie: Umse

Nachdem die bis dahin verhüllten Drum-, Percussion-, Keyboard- und sonstige Aufbauten freigelegt waren, wurde es erst einmal finster auf der Bühne. Robert Gwisdek alias Käptn Peng (Gesang), dessen Bruder Johannes alias Shaban (Schlagzeug, Gesang) und die drei, naja, “Tentakel von Delphi” Moritz Bossmann (Gitarre), Boris Nielsen (Kontrabass) und Peter Bartz (Percussion) kamen in der Dunkelheit auf ihre Plätze geschlichen und schalteten dann ihre Schwanenhals-Lämpchen an, die sie vorher per Tape an ihren Kopfbedeckungen befestigt hatten und die ihre Gesichter anleuchteten — Anglerfische in der Tiefsee. Es ging so erst einmal atmosphärisch und ruhig los. Aber das war ja auch erst der Anfang einer total abgedrehten Show.
Songs mit Titeln wie “Backpfeifenernte auf dem Alphabeet”, “Der Anfang ist nah” oder “Sockosophie”, die mal philosophisch den Ursprung alles Seins behandeln, mal die Kreiszahl Pi besingen (okay, der Song war nicht dabei), mal einfach nur Fremdwörter aneinanderreihen und zwischen Genialität, Schizophrenie, Intelligenz und Gaga-Manie munter hin und her wechseln.
Nun haben wir die Setlist nicht. Gespielt wurden aber auf jeden Fall: “WobWobWob”, “Im Labyrinth”, “Tango im Treibsand”, “Meister und Idiot”, “Oha” und “Sie mögen sich”, zu dem Shaban im roten Kleid auf die Bühne kam und die weibliche Rolle im Rap-Dialog mit seinem Bruder spielte.
Bei “Der Anfang ist nah” fror die Band (und auch ein Teil des Publikums) mitten in der Bewegung ein — minutenlang! Irgendwann schlurpt von rechts ein Typ auf die Bühne, baut einen Mikroständer auf und spielt auf der Querflöte eine Weile lang einen voodoo-mystischen Sound und verschwindet dann irgendwann wieder. Und plötzlich springen wieder alle umher, und der Song geht weiter. Herrlich!
Das ersehnte Highlight kam dann am Schluss: Die “Sockosophie”, zu der Peng im Dialog mit einer Sockenpuppe auf der Hand im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt philosophiert — das beliebteste Stück auf der Setlist, das dazu auch noch in wildem Gespringe gipfelte.

Danach spricht der Käpt’n von einem “Nachbarn, der 16km von hier wohnt”, so ein Messgerät hat und sich immer über Lärm beschwert. Und tatsächlich: Nach 100 Minuten Peng muss hier Schluss sein — ohne Zugabe. Sehr schade! Der Festivalgründer Alexander Heisler versichert aber, dass insgesamt schon eine halbe Stunde überzogen wurde.
Wir wollen dem Nachbarn aber nochmal sagen, wie wir heißen!”, ruft Gwisdek, und meint damit den Namen, den sich das Freiburger Publikum zu Beginn selbst ausgesucht hat, damit die Band es nicht plump mit dem Namen der Stadt ansprechen muss. Und alle schreien gemeinsam: “Edeeeeeltrauuud Kaaasiiiimiiiiiir!”. Schönen Gruß an den Nachbar — das hat er sicherlich gehört!

Galerie: Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi

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Gerald

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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