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Konzertbericht | Meshuggah (Support: Messiah & Destruction) | Z7 Pratteln 23.06.2023

Wolltet ihr schonmal wissen, was eine Haarwurzel so alles aushält? Laut den Grimm’schen Märchen können angeblich ganze Ritter daran hochklettern. Ob sie auch eine mehrstündige Headbanging-Session aushalten, konnte letzten Freitag im Z7 ausgiebig erprobt werden. Die Belastungsprobe war eine dreistufige Steigerung der Intensität, wobei in der letzten Etappe auch noch zusätzliches Gewicht durch eigenen Schweiß hinzukam.

Messiah

Doch fangen wir erstmal mit Stufe 1 an. Die Schweizer Death-Thrasher von „Messiah“ eröffnen an diesem Abend die Bühne des Z7 in Pratteln. Frontmann Marcus Seebach brüllt sich augenblicklich die Seele aus dem Leib und macht dem Publikum die ersten Übungen vor. Rhythmisch zum Takt der Bassdrum lässt er sein Haupthaar vor und zurück wippen. Ab und an wird dieses auch mit einem eleganten Schwung wieder nach hinten befördert, sodass das Gesicht wieder frei ist. In den ersten Reihen hat man die Vorgaben schnell verstanden und umgesetzt. Etwas weiter hinten, bei den zu diesem Zeitpunkt insgesamt knapp 400 Leuten im Z7, ist noch etwas Zurückhaltung zu spüren.

Doch fast 40 Jahre Bandgeschichte machen aus „Messiah“ erfahrene Trainer. Auch die jüngsten Wechsel in der Besetzung tun dem keinen Abbruch. Was allerdings bereits zu bröckeln anfängt ist der Putz in der Halle. Stakkatoreiche Rhythmen und kreischende Riffs zeichnen den Thrash-Metal in seiner Urform aus. In gleichbleibender Geschwindigkeit fliegen die Haare auf und vor der Bühne hin und her. Die kurzen Verschnaufpausen zwischen den Songs werden genutzt, um die Pommesgabeln in die Höhe zu recken. Alles in allem legen die Musiker ein gutes Tempo vor, könnten aber noch etwas mehr Varianz in ihre Trainingseinheit einbauen. Nach knapp 45 Minuten ist die erste Einheit rum. Das Publikum begibt sich nun an die zahlreichen Ausgabestellen für energieliefernde Hopfen-Smoothies, denn es steht noch einiges auf dem Plan.

Destruction

Nach einer knappen halben Stunde Entspannung geht es wieder los. Das Z7 hat sich mittlerweile gut gefüllt und aufgeheizt. Zeit für den Aufguss ist noch nicht, aber die Temperaturen in der Halle würden das schon möglich machen. Die Einpeitscher namens „Destruction“, welche jetzt die Bühne stürmen, hatten wohl die kürzeste Anreise des Abends. Frontmann und letztes verbliebenes Gründungsmitglied Marcel „Schmier“ Schirmer stammt nämlich aus Weil am Rhein und musste nur eben kurz über die Grenze springen, um den Gig im Z7 zu starten. Mit ihrer Gründung im Jahr 1982 sind „Destruction“ deutlich älter als ein Großteil des Publikums. Durch etwas mehr als 40 Jahre Bühnenerfahrung können die Thrash-Metaller gut einschätzen, was es braucht, um die Haare im Publikum zum Fliegen zu bringen.

Zu „Release from Agony“ bringt das Quartett eine neue Übung in das bisher schon folgsame Publikum ein. Zu den derben Riffs entwickelt sich nach Aufforderung von „Schmier“ ein respektabler Circle-Pit im Zentrum der Zuschauer. Während rings um diesen fleißig weiter gebangt wird, müssen die Haare im Pit jetzt auch noch Zentrifugalkräften standhalten. Es wird keine Verschnaufpause gegönnt. Schlagzeuger Randy Black drischt auf die Felle ein und erzeugt damit die nächste Welle an fliegenden Haaren. Etwas ruhiger wird es nur, als der Frontmann dem Song „Armageddonizer“ eine Widmung an einen gerade verstorbenen Freund mitgibt. Dieser hätte ihn erst zum Metal gebracht und ohne ihn wäre „Destruction“ wohl nie entstanden.

Neben den Haaren müssen mittlerweile auch die Nackenmuskeln leiden, denn der brachiale Thrash-Metal fordert kompletten Einsatz. Trotz des durchs Headbangen entstehenden Windes, wird es im Z7 nicht kälter. Ganz im Gegenteil. Der Schweiß des Publikums verdunstet nun direkt beim Auftreffen auf den Boden. Die Dadurch entstehende heiße Wolke wird gleichmäßig in der Halle verteilt, also doch ein Aufguss.

„Destruction“ überziehen ihren Slot ein wenig, doch die Spielfreude zeigt, dass sie immer noch einen Platz auf der Bühne verdienen. Sänger und Bassist „Schmier“ bedankt sich nochmal herzlich beim Publikum, als sie mit „Beastial Invasion“ einen Song aus der Gründungszeit anspielen. Nach diesem ist dann auch das Publikum entlassen. Das waren 75 Minuten hartes Training.

Meshuggah

Kurz vor 10 wird es dann wieder dunkel in der Halle. Unter dumpf dröhnenden Bässen und kreischenden Gitarren betreten die Schweden von „Meshuggah“ die Bühne, während sie von hinten mit einem Blitzlichtgewitter aus einer ganzen Armada an Scheinwerfern erleuchtet werden. Ihr heftiger Experimental-Metal, welcher Elemente von Thrash-, Black und Progressive-Metal aufweist, zieht das Publikum sofort in den Bann. Im Takt schleudern die Pommesgabeln und mittlerweile schweißnassen Haare der Gäste in Richtung der Bühne.

Beim etwas psychodelisch anmutenden Song „Rational Gaze“ werden die Bewegungen langsamer. Die Haarwurzeln können sich kurz erholen, bevor sie bei „Pravus“ wieder voll gefordert werden. Eine düstere Stimmung in der Location, kombiniert mit den fordernden komplexen Melodien von „Meshuggah“ kreieren eine hypnotische Atmosphäre, welcher man sich kaum entziehen kann. Die knapp 1000 Zuschauer bewegen sich in einem Kollektiv zu den Klängen vom Polarkreis. Diese Stimmung wird auch nicht durch Ansagen unterbrochen. Sänger Jens Kidman und seine drei Kollegen spielen das Set ohne Pause durch. Mit fast 40 Jahren Band- und Bühnenerfahrung wissen sie ebenfalls, wie man seine Fans am Schwitzen hält.

Im permanenten Blitzlicht der Bühne wirken die Headbanger in ihren Bewegungen eingefroren, doch die immer weiter steigenden Temperaturen im Z7 beweisen die Aktivität in dieser Trainingssession. Nach „Straws pulled at random“ nehmen sich „Meshuggah“ eine kleine Auszeit, bis sie unter Rufen ihres Bandnamens nochmals zurück auf die Bühne kehren. Scheinbar gibt es noch ausreichend Kondition bei Fans und Musikern für ein paar Zugaben. Diese bestehen aus „Demiurge“ und „Future Breed Machine“. Letztere ist dann auch die Endstufe des Trainingsprogramms, denn jetzt kommt der Propeller zum Einsatz. Jeder mit geeigneter Haarlänge versucht die Rotationsgeschwindigkeit auf neue Höchstwerte zu bringen. 80 Minuten dauert die komplette Einheit, welche auch die letzten Reserven im Publikum aufbraucht. Glücklich grinsend, erschöpft und noch immer leicht benebelt von dieser einzigartigen Show, verlassen die Gäste das Z7 und treten den Heimweg an.

Ob wirklich alle Haarwurzeln diesen massiven Belastungstest überlebt haben, kann leider nur das Reinigungspersonal berichten. Dieses Stand für ein Interview allerdings nicht zur Verfügung.

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Über den Autor des Beitrags

Eightrocks

Hört am liebsten Symphonic- sowie Powermetal, kann sich aber auch für Pagan und Metalcore begeistern. Wenn er gerade einmal nicht mit Achterbahnen spielt, ist die Kamera im Anschlag.

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