Marko Hietala (Support: Oceanhoarse) – Z7 – Pratteln 14.02.2020

Wir haben ein Date, denn schließlich ist Valentinstag. Die Blonde Mähne hat uns angelockt, das verschmitzte Grinsen zum Bleiben verleitet, und die Stimme hat uns gefesselt. Na gut, gefesselt werden ist vielleicht nicht für alle die Idealvorstellung vom Ende eines Dates, und der Bart ist jetzt auch nicht jedermanns Sache. Wir sind ja dennoch tolerant und wandern mit viel Vorfreude in die Location unserer Wahl.

Der Kronleuchter, an der Decke über der Theke des Z7, funkelt romantisch, die verkleinerte Halle lässt uns ein wenig zusammenrücken, die Lautsprecher säuseln uns sanften Prog-Rock entgegen. Ja okay, Bier aus Dosen ist nicht so richtig romantisch, aber immerhin gibt es Auswahl, und das ist doch auch was Feines. Der Saal füllt sich nur langsam mit weiteren Gästen, ein bisschen Zweisamkeit scheint also drin zu sein an diesem Abend, der uns zum ersten Mal einen Künstler Solo präsentiert, welcher sonst immer nur mit Bands auf der Bühne stand. Marko Hietala hat sich für kurze Zeit von seiner Dauerband Nightwish losgesagt, das Projekt Tarot liegt ja schon etwas länger auf Eis und auch diverse Gastauftritte bei Delain und Ayreon, lassen den Finnen nicht müde werden.

Mit „Pyre of the black heart“ hat er ein überraschendes und von Kritikern und Fans extrem gut angenommenes Album produziert. Die „Tour of the Black Heart“ war da zu erwarten und wir freuen uns wie frisch Verliebte auf dieses erste Date. Ganz alleine bekommen wir Marko natürlich nicht. Ein Album lässt sich schlecht ohne andere Musiker produzieren. Wer das ist, da sprechen wir nachher noch drüber. Das Arrangement des Abends sieht nämlich vor dem Hauptgang noch eine Vorspeise vor. Diese wird uns pünktlich um 20.00 Uhr in Form von Oceanhoarse serviert.

Die vier Finnen spielen erst seit 2018 zusammen und waren mit dem Songwriting auch noch nicht so richtig umtriebig. Es reicht dennoch für ein ordentliches Set. Am Anfang ist das Publikum noch etwas verhalten, treibt sich eher an der Theke und dem Merch-Stand herum. Doch der schnörkellose Heavy-Metal der Band aus Helsinki lässt aufhorchen. Keine Synthesizer, keine Backtracks, kein Pomp. Einfach geradeaus und voll auf die Zwölf, singt Frontmann Joonas Kosonen die eingängigen Songs. In kleinen Häppchen serviert, geht das auch echt gut runter. Das erste Mal etwas schwerer schlucken, müssen wir bei einem ausschweifenden Bass-Solo welches uns Jyri Helko zum Besten gibt. Von seinen Bandkollegen alleine gelassen, spielt er um Leib und Seele, zieht uns in seinen Bann. Da hat die Küche wirklich was Ausgefallenes zusammen gebrutzelt.

Für die Einverleibung des restlichen Sets, rückt die Menge dann auch schon enger zusammen und geht auf Kuschelkurs. Ab Minute 40, kurz nach einem sehr progressiven Gitarrensolo aus den Fingern von Ben Varon, fliegen die Pommesgabeln in die Luft und fordern lautstark mehr. Leider ist dennoch nach 45 Minuten Schluss. Die Vorspeise war so schmackhaft, dass es noch deutlichen Applaus in Richtung Küche (Backstage) gibt, als das Geschirr schon abgeräumt wird.

Die Zeit bis zum Hauptgang nutzen wir adäquat, um uns mit frischen Hopfen-Kaltgetränken oder anderen berauschenden Flüssigkeiten zu versorgen. Es gibt ja schließlich was zu feiern. Marko Hietala kommt in einem Solo-Programm zu uns, etwas, das, wie er uns verraten hat, so schnell nicht wieder passieren wird. Vor dem Konzert hatten wir Gelegenheit mit ihm zu sprechen, das Video dazu seht ihr in den kommenden Tagen auf unserem YouTube-Kanal findet ihr hier. In diesem Interview hat er uns übrigens auch verraten was es mit dem Wechsel von Marco zu Marko auf sich hat.

Nun aber genug des Vorgeplänkels. Der Hauptgang wird serviert und Marko Hietala betritt mit seinen Mitstreitern die Bühne. Andächtige Stille erfüllt den Saal, als die ersten Töne von „Star, Sand and Shadow“ erklingen. Es wird kuschelig unterm Kronleuchter, als das überwiegend ältere Publikum zusammen rückt. Dicht an dicht stehen sie vor der Bühne um keinen einzigen Ton zu verpassen. Virtuos rutschen die Finger von Tuomas Wäinölä über die Saiten seiner Gitarren. Der Knoten in der Zunge den man beim aussprechen seines Namens hat, überträgt sich auch fast auf seine Finger. So komplex und doch zielgerichtet sind die Melodien, die seiner Klampfe entspringen. Der gebürtige Finne hat es noch nicht weit ins Rampenlicht geschafft, dennoch sah auch er das Z7 schon früher von der Bühne aus. Eigentlich müsste man ihn schon als zwei Personen bezeichnen. Denn nicht weniger Arbeit an diesem Abend hat sein Gitarren-Techniker, der nach jedem Song das Material neu stimmt und wechselt. Technisch perfekt klingt alles, fast wie von Platte, aber noch ein Stück leidenschaftlicher.

Klar, wenn erst eine Platte produziert wurde, kann man natürlich nicht aus viel Material schöpfen. So besteht die Komposition des Hauptganges aus bekannten Zutaten, allerdings etwas anders arrangiert. Marko und seine Kollegen verzichten darauf, das Album in seiner gepressten Reihenfolge zu spielen, sondern arrangieren immer wieder neu, fügen kleinere Impro-Teile ein. Dass das Album zuerst auf Finnisch erschienen ist, merkt man heute Abend nicht. Alle Songs werden auf Englisch zum Besten gegeben.

Auffallend ist die Stille zwischen den Songs. Es ist keine Party, die heute Abend läuft. Das Publikum lauscht der fesselnden Stimme des Finnen, den Klängen aus der Gitarre von Tuomas, und dem treibenden Rhythmen von Drummer Anssi Nykänen. So ausgefallen wie sein Spiel ist auch sein Drumkit. Von einer kleinen finnischen Manufaktur hergestellt, sticht vor allem die übergroße Bassdrum hinaus. Der Verzicht auf kleine Toms, welche stattdessen von Toms in Übergröße ersetzt werden, sorgt für ein sattes Fundament. Auf diesem kann sich die Stimme von Marko austoben und sorgt für ungekannten Genuss.

Ich erwähnte bereits, dass das Album nur auf Englisch gesungen wurde, aber da das Set sonst etwas kurz wäre, wurden noch die einen oder anderen Coversongs eingesungen. Den Anfang macht hier „Olet lehdetön puu“ der Band Hector. Marko erzählt uns, dass er an einer Übersetzung des Songs gescheitert ist. Ein Sprache, die gesungen schon etwas seltsam klingt, aber von Marko Hietala mit so viel Seele ausgefüllt wird, dass man gar nicht weghören will.

Während das Set durch das Album mäandert, verlieben wir uns immer mehr in den Finnen und seine Kollegen. Klar, Marko hat Nightwish zu einer ganz neuen Dimension verholfen und kann dort seine Stimmstärke voll ausspielen. Dennoch merkt man deutlich, dass die Songs die heute gespielt werden, viel mehr Bedeutung für ihn haben. Mit einem Dauerlächeln, manchmal etwas melancholisch, aber immer mit viel Spaß dabei, flutschen die Texte von den Lippen und die Töne von den Fingern. In seinen Moderationen witzelt er mit dem Publikum, schwatzt über die Songs und deren Hintergründe und verhilft dem Abend so zu einem mehr als gelungenen Gesamterlebnis.

Bei „Runner on the Railways“ hält es niemand mehr in der Defensive. Wurde vorher überwiegend gelauscht kommt jetzt der aktive Part in diesem Date. Das Publikum rastet aus, nickt, springt, schmeißt die Fäuste in die Luft und zeigt Marko dass sie ihn lieben. Die Verbindung ist stark an diesem Abend. Man möchte fast die Sterne vom Himmel holen, die uns in dieser klaren Nacht entgegen funkeln. Als ob Marko Hietala unsere Gedanken gelesen hätte schmettert er uns David Bowies „Starman“ entgegen, um direkt im Anschluss mit „Stones“ wieder einen seiner Songs zu bringen, vermutlich sogar den mit dem größten Ohrwurm-Charakter.

Wir verschlingen diesen Song, er bleibt uns noch lange auf der Zunge, denn er war auch der letzte Happen des Hauptgangs. Während sich unser Date kurz frisch macht, skandieren wir lautstark, dass er sich doch bitte beeilen soll. Wir wollen ihn nicht eine Sekunde aus den Augen lassen. Ist frische Liebe nicht schön? Da, er kommt schon wieder. Wir sind schon ganz hibbelig, was es jetzt zu hören gibt. Hätten wir mehr mitgezählt, wüssten wir, dass eigentlich nur noch ein Song der Platte fehlt.

Als Nachtisch serviert uns Marko allerdings zuerst ein brillantes Cover von Black Sabbaths „War Pigs“. Eine ungewöhnliche Interpretation, die in seinen unterschiedlichen Facetten im Ohr bleibt. Dafür sorgt auch der Keyboarder Vili Ollia, welcher wie ein leicht gealterter Hippie hinter seinen Tasten thront und jedem Song eine extra Spur Volumen verpasst. Bei „War Pigs“ lässt er nochmal richtig die Finger fliegen.

Wir sehen schon das Ende kommen, auch wenn wir es noch nicht realisieren wollen. Dieser Abend hat uns in seinen Bann gezogen, doch er sollte nie enden. Zuletzt legt Marko den Bass weg und greift zum Cello, Tuomas nimmt die Akustik Gitarre, und alle zusammen spielen sie uns „Thruth Shall Set You Free“ etwas anders arrangiert und dennoch spannend vorgetragen.

Das war’s. Das Date ist vorbei. Der Valentinstag endet mit einer Verbeugung und frenetischem Applaus. Ja, wir sind verliebt. Verliebt in den Finnen mit seiner sanften und kräftigen Stimme. Verliebt in die spannenden und abwechslungsreichen Songs, die er uns darbietet. Verliebt in das Spiel von Tuomas, Vili und Anssi, die Marko so perfekt ergänzen und schon eine Einheit bilden. Verliebt in das Z7 und seine Kronleuchter. Verliebt in diesen Abend.

Mit einem glücklichen Grinsen verlässt das Publikum das Restaurant, pardon, den Saal. Viele Träume werden heute Nacht von den langen blonden Haaren und dieser einzigartigen Stimme handeln. Wehmut wird erst morgen früh aufkommen, wenn wir realisieren, dass es wohl so schnell kein zweites Date geben wird. Marko konzentriert sich jetzt wieder auf Nightwish. Geht er uns etwa fremd?

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Hört am liebsten Symphonic- sowie Powermetal, kann sich aber auch für Pagan und Metalcore begeistern. Wenn er gerade einmal nicht mit Achterbahnen spielt, ist die Kamera im Anschlag.

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