Max & Iggor Cavalera, 09.08.2017 im Jazzhaus Freiburg
Support: Ayahuasca

Es hätte so gut laufen können für Sepultura. Nach den wilden Anfangstagen im Black- und Death Metal-Underground vergrößerte sich mit den Alben „Beneath The Remains“ und „Arise“ die Fanschar rapide, hatte man sich mittlerweile einen doch recht eigenen Thrashmetal-Sound zugelegt. Auch ein erneuter Schwenk hin zu weniger komplexen Songs, mit mehr Groove sowie Hardcore- und Tribal-Anleihen konnte den Brasilianern nicht schaden. Man hätte sich wohl ohne Probleme unter den großen Vier des Thrash Metal behaupten können, sofern man diese Klassifizierung überhaupt ernst nehmen will. Doch hatte die kosmische Algebra andere Pläne: Der Ausstieg von Max Cavalera im Streit (1996) veranlasste den Rest der Band, sich nach einem neuen Frontmann umzuschauen. Zehn Jahre später verließ auch Bruder Iggor die damals mit Bassist Paulo Xisto Pinto Jr. gegründete Band. Sepultura bestehen bekanntlich immer noch, neben neuen Projekten wie Soulfly und der nach der Versöhnung der Brüder entstandenen Cavalera Conspiracy.

Seit 2016 sind die Cavalera Brüder unterwegs mit ihrer Wurzelbehandlung, anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von „Roots“, dem kommerziell erfolgreichsten Album der ehemaligen Band. Die „Return To Roots“-Tour führte die Band bereits nach Nordamerika, Südamerika und Europa, um dann nach Australien noch mal gegen Jahresende nach Europa zurückzukehren.

Das zahlreich vorhandene Merchandise sprach Bände, weitestgehend bekannte Logos und Motive, der Schriftzug Sepultura aber nirgends. Vereinzelt waren Sepultura-T-Shirts, verwaschen wie Gespenster aus der Vergangenheit, im Publikum zu sehen.

Die Band Ayahuasca aus Köln hatte mit sieben Köpfen die stärkste Personaldecke des Abends, fuhr mit gleich 3 Gitarristen und einem Percussionisten auf. Der zu Beginn etwas matschige Sound verbesserte sich mit zunehmender Spielzeit. Benannt nach einem psychedelisch wirkenden Pflanzensud aus der Liane Banisteriopsis caapi und Dimethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchgewächses Psychotria viridis, der im amazonischen Brasilien, Bolivien, Peru, im Orinocodelta von Venezuela bis an die Pazifikküste von Kolumbien und Ecuador verbreitet ist (Danke, Wikipedia!) schickte das Septett das stetig zahlreicher werdende Clubpublikum auf eine Zeitreise, zum Death Metal Anfang der 90er, mit Worldmusic-Einflüssen, Rasseln, Pfeifen und einer theatralischen Show. Komplexe Klangkolosse, dazu gutturaler Gesang vom Frontmann Sliman „Warzone“ Abu Sitta und Gitarrist Kirill „Kay“ Gromada, hielten das Publikum eine gute halbe Stunde bei Laune.

Galerie: Ayahuasca

Unter donnerndem Applaus betraten dann Gitarrist Marc Rizzo und Bassist Tony Campos, beide schon bekannte Veteranen, die Bühne. Und auch Max und Iggor Cavalera ließen sich nicht lange bitten. Das Publikum war vom Opener „Roots Bloody Roots“ weg erobert, die Cavaleras wurden bedingungslos als Helden gefeiert. Dramaturgisch blieb wenig Platz für Experimente, die Reihenfolge der Songs war klar, fragte sich nur, was die Band draus machte. Die Tribalrhythmen und -Gesänge kamen meist vom Band, Iggor gab bei „Itsari“ ein Drumsolo zum Besten, bei „Ambush“ beackerten die Brüder gemeinsam die Schlaginstrumente, den brettharten Rest lieferte das Quartett in circa 60 Minuten. Sozusagen als Bonustracks gab es eine Duo-Darbietung der Klassiker „Inner Self“ und „Desperate Cry“, der Rest der Band stieß zum Motörhead-Cover „Ace Of Spades“ und dem „Roots Bloody Roots“-Outro wieder hinzu.

Mit „Return To Roots“ schufen die Cavalera Brüder an diesem verregneten Mittwoch-Abend eine eigene Falte der Realität, der Sound von Sepultura lebte, auch nach zwanzig Jahren und außerhalb des Orbits aus Kennen und Vergessen. Rückzugsgefecht oder schmerzfreie Wurzelbehandlung? Das Publikum war sich in dem Fall erstaunlich einig, die Treppe des Jazzhaus noch einige Zeit von euphorisierten Menschen um die Vierzig belagert, die diese nostalgische Blase nicht zu früh verlassen wollten.

Galerie: Max & Iggor Cavalera

Setlist:

Roots Komplett

Inner Self
Desperate Cry
Ace Of Spades
Roots Outro

Fotos: Gerald Backmeister
Text: Chris

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