Konzertbericht/Fotos: Mitch Ryder
09.03.2019 Jazzhaus Freiburg

Ein unerwartetes, stimmliches Comeback — Mit seinem legendären Auftritt 1979, als Gast beim Rockpalast in der Grugahalle Essen, wurde Mitch Ryder über Nacht in Deutschland und Europa bekannt. Fast hätte sein katastrophales Interview in jener Nacht seine Karriere in Europa beendet bevor sie gestartet war, aber der anschließende Auftritt selbst war ein überzeugendes Statement für ehrlichen, energetischen Rock´n´Roll aus Detroit mit einer Stimme, die Eindrücke hinterließ und die Kids in die Plattenläden strömen ließ.

40 Jahre später steht Mitch Ryder auf der Bühne im Jazzhaus Freiburg, und die Authentizität des musikalischen Arbeiters ist ungebrochen. Gleich nach seinem ersten Song erklärt er, warum es zu diesem Nachholtermin gekommen ist, denn das Konzert war ursprünglich für Januar 2018 geplant gewesen: Eine schwere Krankheit und eine sehr komplizierte OP an seinen Stimmbändern zwangen ihn zu einer musikalischen Pause, und sein Arzt prognostizierte ihm sogar, dass er nie wieder würde singen können!
Doch er steht hier und erklärt seine Dankbarkeit, dass er für seine treuen Fans auf der Bühne stehen darf, um das tun zu können was seine einzige Leidenschaft sei: Singen! So verspricht er für diesen Abend ein großartiges Konzert und jede Menge Songs aus seinem 107 Stücke umfassenden Repertoire. Auch, dass er inzwischen stolzer Opa ist, lässt er vor dem nächsten Song nicht unerwähnt und schmückt es mit einer kleinen Anekdote aus. Jedes Wort nimmt man ihm ab, und diese ehrliche Art stellt ihn auf Augenhöhe mit dem Publikum, und es macht ihn dadurch nur sympathisch.
Sein Publikum sind seine Fans von damals, und es ist mit ihm gealtert, weshalb graues und schütteres Haar überall im Publikum zu finden ist, aber keine jüngeren Generationen – auch das ist auf eine bestimmte Art authentisch, denn Mitch Ryder passt sich keinen Modetrends an oder unterwirft sich experimentellen musikalischen Ausflügen: Er bleibt seinem Stil auch nach 40 Jahren treu.

Körperlich hingegen wirkt Mitch Ryder für seine 74 Jahre sehr angeschlagen und bewegt sich nur minimalistisch – die Wasserflasche vom Boden zu holen, den Deckel abzuschrauben und einen kleinen Schluck daraus zu trinken, benötigt ein ganzes episches Gitarrensolo im dritten Song und fast möchte man ihm dabei helfen. Auch den Schellenring, den er fast in jedem Song zum Einsatz bringt, streichelt er mehr als dass er ihn schlägt – Respekt für den Tontechniker, dass auch von ganz hinten diese zarten Töne übers Gesangsmikro durchdringen.
Mitch Ryders Stimme selbst ist aber die Überraschung des Abends: Niemals hätte man gedacht, dass von dieser eher kleinen und gebrechlich wirkenden Person nach dieser Vorgeschichte eine Stimme kommt, die zarte und kraftvolle Passagen tonsicher und gleichermaßen gefühlvoll wie auch energetisch in einer Bandbreite zelebrieren kann, die so manche umjubelten Nachwuchskünstler nicht annähernd hinbekämen. Natürlich ist diese markante, unverkennbar rauchige Stimme Mitch Ryders alleine schon hörenswert, aber seine dynamischen Ausbrüche steigern den rauen und rostig klingenden Anteil nochmals deutlich – nicht umsonst wird Mitch Ryder nachgesagt, er beherrsche gesanglich alle Nuancen des Rhythm & Blues!

Noch ein Wort zur Band: Hinter der versteckt sich vor allem, zumindest was die fast jährlichen Touren im europäischen Raum angeht, die ehemalige DDR-Bluesband Engerling mit ihrem Kopf Wolfram Bodag. Seit 1994 begleiten sie nun schon Mitch Ryder und waren auch an einigen seiner letzten Studio- und Liveproduktionen beteiligt. Während Bodag an den Tasten kräftig mit klassischem Orgelsound schiebt, bringen die beiden Gitarristen ein feines Geflecht verzerrter Rhythmus-Gitarren hervor, ohne dabei der Stimme von Mitch Ryder den Raum zur Entfaltung zu nehmen.
Schön auch, dass beide Gitarristen in ihren Solis „Charakter“ entwickeln: Heiner Witte übernimmt dabei vor allem die Slideguitar, während sein gegenüber den Fuß nicht vom WahWah-Pedal nimmt und beide sich wunderbar ergänzen! Manne Pokrandt am Bass und der neue, deutlich jüngere Schlagzeuger, legen eine saubere, grundsolide Basis ohne viel musikalische Schnörkeleien.

Das ganze Set des Abends dauert stolze 135 Minuten und besteht zum Teil aus alten Hits wie „War“, „Ain´t Nobody White Can Sing the Blues“, „Take Me to the River“, oder auch dem autobiografisch anmutenden Song „Long Hard Road“, den er ankündigt als den Song über einen armen Kerl, der keinen Job, keine Freundin, noch nicht einmal einen Hund hat, nichts, außer seiner Passion für die er lebt: seine Musik!
Aber auch neuere Songs sind dabei, wie etwa „If You Need the Pain“ vom Album „The Acquitted Idiot“ aus dem Jahre 2006, welches er zusammen mit Engerling eingespielt hat.
Selbst Covers fehlen nicht im Programm: Während „Many Rivers to Cross“ von Jimmy Cliff als emotionale Ballade performt wird, wirkt „Living in America“ von James Brown etwas hilflos und hängt irgendwo zwischen den Stilen – der einzige nicht überzeugende Song des Abends.
Mit dem Doors-Cover „Soul Kitchen“ als Zugabe schließt sich der Kreis wieder, denn dieser Song wurde auch bereits beim Rockpalast-Konzert 1979 auf die Bühne gebracht und bringt nochmal die ganze atmosphärische Dichte und das gesangliche Spektrum von Mitch Ryder zum Tragen – damals wie heute.
Ein überraschend gutes Konzert, dass durchaus noch etwas mehr Publikum verdient gehabt hätte!

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Tilo Fierravanti

Schlagzeuger mit zwei eigenen Bands, ist in vielen Musikrichtungen zuhause, vor allem aber in Sachen musikalischer Nachwuchsförderung im Raum Freiburg unterwegs und immer wieder auch in Jurys tätig (u.a. Play Live / Rampe).

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