Konzertbericht/Fotos: New Model Army & Toy Dolls (Support: Snuff)
22.07.2017 ZMF, Freiburg

Die eine oder andere Unklarheit, wer denn nun am vergangenen Samstagabend, dem vorletzten Konzert-Abend des diesjährigen ZMF, der Hauptact sein würde, hat es wohl gegeben. Offiziell war ein Double-Feature angekündigt, bei dem die altehrwürdigen britischen Bands Toys Dolls und New Model Army jeweils denselben Stellenwert einnehmen sollten. Im Publikum dürfte es gefühlt — und den Shirts und allgemein dem Outfit nach — aber etwas mehr ausgewiesene NMA-Fans gegeben haben. Und schließlich durften Justin Sullivan & Co. auch den späteren Slot spielen.

Aber “snuff said” von Hauptband und so. Den Abend eröffnete gar eine dritte Band — und das schon 30 Minuten früher, als ursprünglich angesetzt, also schon um 19 Uhr. Möglicherweise wollte sich ein Teil des Publikums das Vorspiel an diesem Abend, der sowieso lange zu werden drohte, sparen. Vermutlich war aber die Kunde über die Vorverschiebung bei vielen auch nicht angekommen.
So hatte das ebenfalls von der Insel stammende Quartett Snuff (ebenfalls nicht gerade Newcomer) leider nur wenige Zuhörer. Ihrer Spielfreude tat das allerdings kaum Abbruch. 30 Minuten lang schraddelte die Band in klassischer Besetzung (Gitarre, Bass, Schlagzeug; wobei hier der (auch Toy Dolls-)Drummer hauptsächlich für den Gesang zuständig war), allerdings plus Posaune. Ihr Punk war einerseits irgendwie oldschool, zeigte aber hin und wieder auch Anleihen aus anderen Genres und klang z.B. auch mal etwas karibisch, wie ich finde. Jedenfalls brachten sie einige Leute im Publikum dazu, ausgelassen zu tanzen.

Galerie: Snuff

Danach musste auf der Bühne zunächst etwas länger umgebaut werden. Spätestens als dabei das Backdrop mit dem gelben Kopf hochgezogen wurde, war klar, dass das Trio Toy Dolls den ersten Part des Doppelkonzertes liefern würden. 37 Jahre lang gibt es die Band nun schon, allerdings ist Gitarrist Michael “Olga” Algar, der etwas schmalere der beiden vorderen Akteure, das einzige übrig gebliebene Gründungsmitglied.
Als die Band in gewohnt schrägem Outfit dann begann, war das Zirkuszelt mittlerweile gut gefüllt. Während Amazing Mr. Duncan am Schlagzeug seinen Job eher unauffällig erledigte, flitzten eben oben genannter Gitarrist und Tommy Goober, der Bassist, gerne auf der Bühne hin und her, nur um sich regelmäßig wieder in der Mitte nebeneinander zu stellen und entweder mal zu einem musikalischen Akzent synchron ein Bein zu heben oder zu einem ihrer hohen Sprünge anzusetzen.

Eigentlich braucht es für Toy Dolls-Show keinen großen Schnick-Schnack. Durch die sympathisch ulkige Art der beiden Frontmänner und die abgehenden Fun-Punk-Songs der drei — natürlich mit dem Highlight “Nellie the Elephant” — funktioniert das Ganze auch so. Ein bisschen ins Publikum kanoniertes Konfetti durfte trotzdem nicht fehlen — auch wenn der Schuss mit der überdimensionalen aufblasbaren Sektflasche leider nicht gezündet hatte.

Galerie: Toy Dolls 1/2

Im Publikum machte man sich zwischenzeitlich offenbar Sorgen, die Band könnte im warmen Zelt womöglich dehydrieren und schmiss hin und wieder einen Becher Bier nach vorne. Traf der erst noch die Fotografen-Meute im Graben, setzte der nächste eine Mehrfachsteckdose (und damit zumindest einen Ventilator) auf der Bühne außer Gefecht.

Zweimal konnte das Publikum die Toy Dolls während ihres gut einstündigen Sets schließlich für eine Zugabe (zuerst “When the saints go marching in”) noch einmal zurück auf die Bühne applaudieren. Großartige Band, toller Auftritt!

Galerie: Toy Dolls 2/2

Fehlte nun noch New Model Army. Zuletzt war die Band in Freiburg bei einem etwas intimeren Konzert 2014 im Jazzhaus (hier unser Bericht inkl. Fotos) zu erleben. Damals setzte das Set stark auf das Material der beiden “Between…”-Alben und ließ Hits wie “Vagabonds” und das beliebte Cover-Stück “51st State” vermissen. Mittlerweile ist das Portfolio mit “Winter” um einen weiteren tollen Longplayer erweitert worden. Würden also wieder verstärkt die neuen Songs gespielt werden?
Angesichts der Tatsache, dass die Band durch eine Violinistin verstärkt wurde, war die Hoffnung auf “Vagabonds” jedenfalls nicht ganz unbegründet. Natürlich war außerdem auch der rotschopfige, relativ neue (seit 2012 dabei) Bassist Ceri Monger wieder einer der Hauptbestandteile der Show. Wie schon 2014 wechselte er immer wieder an sein Set aus großen Toms, um das Programm mit heftigen Schlägen sowohl optisch als auch akustisch zu bereichern.

Galerie: New Model Army 1/2

Schließlich bekam das Freiburger Publikum auch “51st State” noch im Hauptset (alle Setlists übrigens s.u.) zu hören. Mit dem alten “Green And Grey” wurde das dann stimmungsvoll und mit einer in Grün getauchten Bühne beendet. Als die Violinistin zur Zugabe zunächst alleine auf die Bühne zurückkam, war klar, dass es auch noch “Vagabonds” geben würde — auch wenn sie sich größte Mühe gab, das Lied hinter einem virtuosen Intro zunächst zu verstecken. Nach einem zweiten Song (“I Love The World”) hatte dann auch dieses Konzert sein Ende.
Beim Bericht zum Konzert von ZZ Top einen Tag zuvor habe ich bezüglich der Applaus-Bereitschaft des Publikums geschrieben: “… wenn auch schon mit wesentlich mehr Begeisterung Zugaben gefordert wurden”. Gleich an diesem Abend gab es ein passendes Gegenbeispiel: Die Fans machten nach der Zugabe so viel und so ausdauernd Krach, dass die Technik die Konserven-Musik immer lauter drehen musste, um die Forderung nach einer weiteren Zugabe irgendwann zu ersticken.

New Model Army, gegründet 1980 — Toy Dolls, gegründet 1979 — Snuff, gegründet 1986. Bei diesem vierstündigen Double-Feature (netto gute zweieinhalb Stunden Spielzeit) standen insgesamt über 100 Jahre Erfahrung auf der Bühne! Dazu ein großartiges Publikum. Ob es gut war? Ich zitiere einfach mal den Aufdruck eines anwesenden Shirts: “Punk is Dad!” — snuff said.

Galerie: New Model Army 2/2

Setlist Snuff:

  • Likely
  • GTOD
  • Sunny Places
  • Cricket
  • What Kind Of
  • Bob‘s Song
  • Nick Northern
  • Too Late
  • Arsehole

Setlist Toy Dolls:

  • Fiery Jack
  • Cloughy Is a Bootboy
  • Bed Bug
  • The Death of Barry The Roofer With Vertigo
  • Up The Garden Path
  • Dougy Giro
  • Spiders
  • Nellie The Elephant
  • Somedays
  • Idle Gossip
  • The Lambrusco Kid
  • Tocatta
  • Alec’s Gone
  • Drums
  • Harry
  • Wipe Out
  • When The Saints Go Marching In
  • Glenda And The Test Tube Baby
  • Dig That Groove Baby
  • She Goes To Finos
  • Theme

Setlist New Model Army:

  • Stormclouds
  • Orange Tree Roads
  • Winter
  • War
  • Devils Bargain
  • Guessing
  • Angry Planet
  • Born Feral
  • 51st State
  • Wonderful Way To Go
  • Green And Grey
  • Zugabe: Vagabounds
  • Zugabe: I Love The World

Über den Autor des Beitrags

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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Über Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.[BR]
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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2 Kommentare

  1. Lydia Winterhalder

    Wir waren am 22.07.2017 auf dem ZMF, und wollten uns Snuff und Toy Dolls anschauen. Also wir waren wirklich enttäuscht, hatten wir doch noch nie erlebt, dass eine Punkband früher als geplant gespielt hat.
    Auf der Eintrittskarte und überall auf den Programmheften stand Beginn 19:30 Uhr. Als wir ins Zelt kamen, haben wir leider nur noch die letzten zwei Lieder von Snuff gehört.
    Die waren wirklich spitze! Schließlich sind wir vor allem wegen Snuff und natürlich den Toy Dolls gekommen.
    Es ist wirklich eine Frechheit und dafür zahlt man eine teure Eintrittskarte, um dann ein Drittel zu verpassen. Wir sind stink sauer.
    Es ist doch sicher auch für eine Band wie Snuff enttäuschend vor einer Handvoll Leuten zu spielen.

    Wir wünschen eine bessere Planung für das nächste Jahr! Vielleicht auch mal etwas mehr in diese Richtung. Vom Punk-, Oi-, & Ska-Genre wird kaum etwas gespielt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ronny Kirschner & Lydia Winterhalder

    • Hallo Lydia (& Ronny),
      wir hatten die Info (früherer Beginn) über die Veranstaltung in Facebook mitbekommen. Dort wurde die Uhrzeit irgendwann von 19:30 auf 19:00 Uhr umgestellt. Diejenigen, die sich in Facebook bei der Veranstaltung eingetragen hatten, müssten daraufhin eine Benachrichtigung bekommen haben. Ob die Info noch über andere Kanäle verbreitet wurde, können wir aber nicht sagen. Wäre natürlich auf jeden Fall schön(er) gewesen, wenn Snuff auch mehr Publikum gehabt hätten…
      Gruß, Gerald

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