Konzertbericht/Fotos: Orphaned Land (+Subterranean Masquerade +Systemhouse 33)
23.04.2019 Z7 Konzertfabrik, Pratteln (CH)

Der Konzertmonat im Z7 geht dem Ende zu. Bevor wir in die ruhige Phase zwischen der Hallen- und der Festival-Saison aufbrechen, haben wir nochmal ein echtes Highlight besucht. Ein Abend voller wirklich außergewöhnlichem Metal stand auf dem Programm, und drei Bands die man eher weniger auf dem Schirm hat, bewiesen ihr können.

Die Rede ist von Orphaned Land, die in den letzten Jahren in Europa aus dem Schatten getreten sind und sich als Support von Bands wie Blind Guardian in die Herzen einer feinen Fangemeinde gespielt haben. Die Fünf aus Israel spielen eine fette Mischung aus Progressive-, Death- und teilweise Doom-Metal, mischen orientalische Folk-Klänge aus ihrer Heimat mit ein und zaubern damit einen Klangteppich, der für Westeuropäer schon befremdlich wirken kann.

Bevor wir uns allerdings den Gastgebern widmen dürfen, heizen uns die Inder von Systemhouse 33 ein. Die vier sympathischen Männer aus Mumbai haben es in ihrer Heimat nicht leicht. Metal hat es dort wirklich schwer und kann sich trotz mehr als einer Milliarde Einwohnern nicht durchsetzen. Der Groove-Trash-Metal funktioniert im Westen schon besser, und so konnten die Jungs schon einige internationale Support Shows spielen. Dass es in 15 Jahren Bandgeschichte noch nicht für den großen Durchbruch gereicht hat, mag daran liegen, dass die Musik zwar handwerklich gut und sauber gespielt ist, letztendlich aber doch sehr beliebig und austauschbar wirkt.

Gerade einmal 100 Menschen befinden sich zu diesem Zeitpunkt im verkleinerten Z7. Das reicht natürlich nicht für eine ausschweifende Party. Szenenapplaus gibt es trotzdem, denn Spaß haben die Inder und können ihn auch transportieren. Die verstärkten Bassdrops wirbeln die Kohlensäure im Bier nochmal auf. Kräftige Gitarrensoli zum Ende zeigen doch noch etwas Kreativität. Zumindest die besungenen Themen wie Frieden und Freundschaft, sowie Hilfe für die Schwachen finden die Zustimmung des kleinen Publikums. Der Schlussapplaus ist angemessen, aber auch nicht überschwänglich.

Es folgen nach eine kurzen Umbaupause Subterranean Masquerade. Die Band stammt ebenso wie Orphaned Land aus Israel, wurde nur wenig später gegründet und hat auch sonst gemeinsame Wurzeln mit den Gastgebern. Drummer Matan Shmuely wechselte vor einigen Jahren zu Orphaned Land und schuf damit eine Verbindung, die bis heute hält. Beide Bands verbindet eine enge Freundschaft, die darin gipfelt, dass man sich auch immer wieder gegenseitig auf seinen Alben unterstützt.

Die Bühne bekommt noch etwas Extra-Nebel aus Räucherkerzen, die den eigenen Geruch des Z7 zumindest kurzfristig überdecken, uns olfaktorisch in den Orient ziehen. Der Sound ist glasklar, leider aber nicht genau zu differenzieren. Die traditionellen Instrumente kommen vom Back-Track, und auch die Gitarren klingen etwas fetter als sie sollten. Hier hilft die moderne Technik, kleinere Schwächen wegzubügeln. Dies trübt allerdings nicht die Grundstimmung. Die musikalische Nähe zu den Gastgebern hilft, die Band zu akzeptieren. Ein wenig softer kommen die Fünf daher, ein wenig verspielter teilweise. Auf jeden Fall bilden sie eine gute Ergänzung und Einstimmung auf das, was noch kommen mag. Leider haben sich nur knapp 150 Leute in Pratteln eingefunden, was keiner der auftretenden Bands gerecht wird.

Es gibt melodischen Prog-Metal mit viel orientalischem Einklang. Für gute Stimmung sorgt vor allem Sänger Davidavi (Vidi) Dolev, der wie wildgeworden über die Bühne springt. Er klettert auf Verstärker, tanzt zwischen den Gitarristen umher und wirbelt um seinen Mikrofonständer. Dabei singt er klar und kraftvoll, überwiegend auf Englisch. Unterstützung bekommt er ab und an vom Sänger von Systemhouse 33, der die Backing Vocals übernimmt, und auch ihr Drummer darf im Finale nochmal ein kurzes Gastspiel geben und vergnügt sich zusätzlich an den Becken. Die solide Leistung und gute Stimmung wird honoriert, denn im Publikum recken sich freiwillig die Hände in die Luft, um im vertrackten Rhythmus zu klatschen, und die Hüften kreisen wo möglich auch fröhlich vor sich hin. 45 Minuten nach dem ersten Takt verabschieden sich die Israelis wieder, nicht ohne auf ihre Flyer mit QR-Code hinzuweisen, denn alle CDs aus dem Merch sind bereits ausverkauft.

Die Uhr schlägt 10 als die Gastgeber endlich die Bühne betreten. Mit dem Intro aus ihrem letzten Album „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ beginnen sie ihre „We Do Not Resist“-Tour. Die Stimmung im Saal explodiert mit dem ersten Ton, leider ein weit verbreitetes Phänomen bei Club-Konzerten. Den Headliner mag dies nicht stören, doch zumindest der Autor würde sich etwas mehr Wertschätzung für die Supports wünschen. Das Set knallt gewaltig, wird eine ganze Spur härter gespielt als es auf der Platte der Fall ist. Die Laune der Band-Mitglieder ist gigantisch. Für die Europatour hat man sich an den Keyboards Unterstützung einer jungen Dame geholt, die leider bis zum Ende namenslos bleibt.

Mit ihren Ausflügen ans vordere Ende der Bühne bildet sie eine schöne Abwechslung und gibt der Show eine zusätzliche Dimension. Natürlich nimmt so kurz nach einem neuen Album dieses auch viel Platz im Set ein. So bekommen wir auch „Like Orpheus“ zu hören, welches auf der Platte von Blind Guardian-Frontmann Hansi Kürsch unterstütz wird. Live hat Sänger Kobi Farhi keine Probleme, das Fehlen zu kompensieren. Orphaned Land steht für Frieden, Freundschaft und die Verständigung zwischen allen Religionen. Bisher oftmals eher lieblich unterwegs, ist die neue Platte deutlich aggressiver geworden. Man spürt Wut auf Themen wie Fake-News, steigenden Rassismus aber auch Ignoranz gegenüber von Problemen. „We Do Not Resist“ wurde die Tour genannt, nach dem gleichnamigen Song auf dem Album, der vor allem eine überbordende Egomanie behandelt.

Als die ersten Töne eben jenes Songs erklingen, macht das Publikum unfreiwillig einen Schritt nach hinten, soviel Wut steckt in dem Song. Die Aggressivität, mit der er dargeboten wird, ist bisher ungekannt und überraschend. Der Druck steht dem Song und zeigt die Varianz der Sechs aus Israel. Der Sound ist komplex, und immer wieder bekommt man Knoten im Gehirn wenn man etwas genauer auf die vertrackten Rhythmen aus den Sticks von Drummer Matan Shmuely lauscht. Die musikalischen Qualitäten aller auf der Bühne sind unbestritten. Obwohl genug Platz in der Halle ist, drängen die Zuschauer nach vorne, wollen keinen Ton verpassen und so nah wie möglich an den Stars dieses Abends sein.

Bald 30 Jahre existiert die Band schon. Es wäre ihnen wirklich zu wünschen, dass sich diese genialen Musiker einem größeren Publikum stellen dürfen. Ich habe die Bands jetzt schon auf mehreren Festivals erleben dürfen und bin immer wieder auf begeisterte Ersthörer getroffen. Ja, die Musik ist durchaus komplex, taugt nicht für das gemütliche Nebenbei-Hören und behandelt Themen, denen man sich auch nicht unbedingt immer stellen möchte. Nach 80 Minuten Set bleiben aber 150 glückliche Besucher zurück, die sich gerne auf den Weg gemacht haben, um diese außergewöhnliche Band zu sehen.

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Eightrocks

Hört am liebsten Symphonic- sowie Powermetal, kann sich aber auch für Pagan und Metalcore begeistern. Wenn er gerade einmal nicht mit Achterbahnen spielt, ist die Kamera im Anschlag.

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