Coogans Bluff – Von Schwarmintelligenz, postfaktischem Schrott und Aluhüten

Kommenden Freitag beginnt in Antwerpen die 24 Termine umfassende Europatournee der Band Coogans Bluff, die im Mai dieses Jahres mit ‚Flying To The Stars‘ ein neues Album veröffentlicht hat. 2003 von Sänger Thilo Streubel, Bassist Clemens Marasus sowie den Brüdern Willi (Gitarre) und Charlie Paschen (Schlagzeug) gegründet war die Musik zunächst vom kernigen Stoner Rock und Punk geprägt. Über die Veröffentlichungen wurden die musikalischen Grenzen aber immer weiter gefasst, so entwickelte sich der Sound hin zu langen, psychedelischen Soundkolossen, Jams zwischen Jazz, Funk- und Kraut-Rock, aber auch knackig kompakten Blues-Rock Nummern. Spätestens seit sich die Band mit Max Thum (Saxophon) und Stefan Meinking (Posaune) eine Bläserfraktion zugelegt hat, ist jeder Versuch der Genrezuteilung unweigerlich zum Scheitern verurteilt.

Willi Paschen über die anstehende Tour, zum Album ‚Flying To The Stars‘ und seine Band Coogans Bluff.

coogans_2016_3Ursprünglich in Rostock gegründet hat sich die Band mittlerweile in Berlin und Leipzig angesiedelt. Bringt gerade das kulturelle Berlins nicht eine Menge Freizeitstress mit sich?

„Ach, nicht wirklich, wir leben ja schon länger in Berlin, ich u.a. seit 14 Jahren. So oft bin ich auch nicht unterwegs, nur wenn mal ne Band am Start ist, die ich wirklich sehen will, Tanzen ist nicht mein Ding, Kneipen haste in andern Städten auch. Also alles ganz entspannt.“

Kannst Du noch etwas über die Musik-Szene in Rostock sagen, über die Clubs oder andere Bands? Der Drummer von Euren Labelmates Hodja stammt ja ebenfalls aus Rostock.

„Haha ganz dünnes Eis, Mathias von Hodja kommt ja aus Wismar, das ist wohl was ganz anderes. Wenn wir uns treffen ziehen wir uns damit immer auf. Was die Rostocker Musikszene angeht, bin ich schon immer interessiert was da geht, und ich finde für die Größe der Stadt ist Rostock recht gut aufgestellt. Es gibt gut Clubs, PWH, Mau, Jaz, Zwischenbau etc. die allesamt ein gutes Booking machen. Es gibt viele Bands und inzwischen welche, die auch nationale Beachtung finden wie Materia, Feine Sahne Fischfilet etc. Wenn ich dagegen andere Städte im Vergleich sehe wie Braunschweig, Mainz, Magdeburg, da hat Rostock sehr viel zu bieten. Ich hab das Gefühl, dass es subkulturell in Rostock besser geworden ist in den letzen zehn Jahren, es herrscht ein besseres und vielseitigeres Angebot. Wenn man so will findet in Rostock aber die meiste Kultur/Subkultur statt, im Rest von Mecklenburg Vorpommern hat es tendenziell eher abgenommen.“

Auf den Promofotos zum aktuellen Album ‚Flying To The Stars‘ ist die Band mit Aluhüten zu sehen. Euer Weltbild ist aber nicht von Paranoia geprägt, oder?

„Paranoia, was ist das? Die Regierung versprüht Chemie mittels Flugzeugen um uns gefügig zu machen, wer das nicht sehen will ist ein Opfer der regierungstreuen Medienberichterstattung. Na jetzt alles klar? Nein im Ernst, es ist genau anders herum. Die Aluhüte richten sich genau gegen diesen ganzen Verschwörungswahnsinn. Angefangen bei Chemtrails bis zu diesem ganzen dämlichen reaktionären völkischen rumgelaber der sog. Wutbürger, AFD, Trump und Co. Es ist echt verrückt was die Leute für verquere Weltansichten und Theorien unter anderem im Netz verbreiten, die dann auch noch Gesellschaftsfähig werden, da kann einen echt schlecht werden. Der Aluhut bietet uns Schutz vor so viel postfaktischem Schrott. Man kann ihn aufsetzen und einen klaren Kopf bekommen. Andererseits sehen sie auch verdammt stylisch aus.“

Die Stücke auf ‚Flying To The Stars‘ sind ja sehr unterschiedlich, von der 70er Space Opera über dreckigen Bluesrock bis hin zu einer Art Velvet Underground. Es scheint, als bringt jeder einzelne Musiker ganz unterschiedliche Vorstellungen in die Musik ein. Wie kann man sich die Zusammenarbeit unter den Musikern vorstellen? Als kreative WG? Als Schmelztigel einzelner Ideen, der etwas Neues vervorbringt? Oder ist Eure Musik gar ein organisches Wesen, entstanden aus Eurer Schwarmintelligenz?

„Wir können Musik nur zusammen schreiben. Wenn wir erst mal eine Weile aufeinander hocken, kommt die eine oder andere Idee die dann verfolgt wird. Man kann sich das ein wenig wie Pilze sammeln vorstellen. Erst findest du gar keine, dann den ersten, den zweiten. Bis sich dein Blick langsam schärft. Dann findest du einen Steinpliz, da eine Marone, den Knolli lassen wir lieber stehen und irgendwann ist der Korb voll. Nur ist das Songschreiben nicht so saisonal bedingt wie Pilze sammeln. So einfach ist‘s dann doch nicht, sonst würden wir immer im Spätsommer Songs schreiben.“

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Promophotos von Noisolution Records

Welches sind die aufwändigsten Arbeiten, die ellenlangen Jam-Stücke oder eher, einem Stück eine kompakte Form zu verleihen?

„Das ist unterschiedlich, es gibt lange Songs die lange brauchen aber auch Kurze und umgekehrt… Da gibt es keine Formel.“

Ist die Musik so einfach auf die Bühne umzusetzen?

„Neue Stücke sind immer eine Herausforderung, weil man diese erst kennenlernen muss. Wichtig ist die Geschwindigkeit und die Dynamik, das entwickelt sich erst nach einigen Konzerten. Wir haben auf der kommenden Tour auch mehr Instrumente dabei, aber nicht mehr Musiker, das nennt man im Fussball Doppelbelastung. Mit mehr Technik auf der Bühne erhöhen sich auch die Fehlerquellen. Wird spannend. Spätestens bei den zwei Rostock-Konzerten wird alles laufen.“

Wird aus den live dargebotenen Albumstücken durch Euren Jamcharakter auf der Bühne noch einmal etwas Neues?

„Vor allem bei den längeren Nummern kann was Neues passieren, im Prinzip steht das Grundgerüst des Songs und dann kann viel passieren, meistens werden die Songs noch länger. „Too Late“ z.B. kann schon mal fünf Minuten länger werden. Am Anfang spielen wir die Songs wie auf Platte und wenn sie sitzen, wird experimentiert.“

Gerade die ellenlangen Jams wollen ja nicht in das gängige ‚Strophe-Bridge-Refrain‘-Schema passen. Im CD-Review zu ‚Flying To The Stars‘ habe ich ein bisschen klischeehaft den unstrukturierten Künstleralltag karrikiert und damit in Zusammenhang gesetzt. Euer Alltag sieht aber glaube ich dennoch anders aus?

„Da halten wir es wie Motley Crue: Saufen, Koks und Nutten … wenn das keine Struktur ist. Aber eigentlich haben wir ja alle kleine Jobs, mit denen wir über die Runden kommen, angefangen bei Kindergartenerzieher, Toningenieur bis zum IT-Dozenten. Oder sagen wir es anders: Wir machen hobbymäßig noch kleine Jobs damit unsere Arbeit als Musiker nicht so langweilig wird, denn Hobbys entspannen zutiefst.“

Euch ist wohl wichtig, dass es Eure Musik auf Vinyl gibt und sie als solches auch funktioniert. Seid Ihr selbst auch Vinyl-Fans und stürmt auf Tour die Plattenläden der Städte, in denen Ihr auftretet?

„Leider ja, Plattenläden und Musikläden. Immer das gleiche, da kann man schon gut versacken. Was will man mit Hochkultur wenns nen guten Plattenladen gibt. Das Denkmal wird noch in 100Jahren stehen, aber der Plattenladen ist nächstes Jahr vielleicht schon weg.“

Der Terminplan für die kommende Tour ist von Mitte Oktober bis Mitte November ja ziemlich dicht. Könnt Ihr Euch nach so langer Zeit auf so engen Raum reduziert dann überhaupt noch sehen?

„Da gabs eigentlich nie so große Probleme, ich glaub dazu machen wir das schon zu lange. Es macht immer wieder Spaß auf Tour zu gehen und wir sind ja jetzt nicht ein halbes Jahr am Stück auf Tour. Daher passt es. Eher ist es schwierig, die Familie tagelang nicht zu sehen.“

Was könnt Ihr über Euren Support Brother Grimm sagen?

„Dahinter verbirgt sich Dennis, den wir schon länger als Tourbegleiter von Reverend Shine Snake Oil Co. kennen. Er ist allein auf der Bühne und ist ein absoluter Tip, solltet Ihr nicht verpassen.“

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