Doganov – Etwas Düsteres zum Tanzen

Nachdem wir euch vor Kurzem das belgische Quartett Doganov und ihre Musik vorgestellt haben (siehe Review), folgt hier nun noch das versprochene Interview mit der Band:

Zunächst einmal: was ist eigentlich die Idee, die hinter dem Bandnamen steckt? Ich habe nur herausgefunden, dass Doganov ein Familienname ist Ost-Europa ist…
Als wir anfingen, produzierten Karl (Vocals) und Fréderic (Keys) verschiedene Arten von Musik unter einem anderen Bandnamen. Als dann Jo und Filip mit ihren Gitarren dazukamen, brauchten wir einen neuen Namen. Karl, der Wort-Akrobat, kam zunächst mit “Eli Doga”. Das hörte sich gut an, aber wir waren nicht vollständig damit zufrieden. Also spielten wir damit etwas und kamen so auf “Doganov”. Wir googleten den Namen und fanden tatsächlich einen bulgarischen Typen mit demselben Namen. Ich denke ihm macht es nichts aus, dass wir seinen Namen verwenden.

Ich bin etwas verwirrt, was den Namen der EP angeht. Ich dachte der wäre “Something Dark To Dance To” (zumal das auch auf dem Cover steht). In der Bio ist aber von “Pre-Incarnation” die Rede. Was ist da passiert? Und vor allem: welches ist denn nun der richtige Titel?
Ok, das mag etwas verwirrend wirken. Als wir 2012 begannen, veröffentlichten wir vier Tracks als kostenlose Downloads auf unserer Webseite und nannten diese “Pre1ncarnation”. Als dann aber alles noch mehr in Bewegung kam und wir bereit waren, eine erste EP zu veröffentlichen, mischten wir ganz bewusst diese Aufnahmen, die wir hatten, durcheinander, fügten neue Tracks wie “Endear You” und “Cry With Me” dazu und begannen das neue Schlagwort “Something Dark To Dance To” zu verwenden. Und so brachten wir das Ganze mit Letzterem als EP-Titel digital heraus.

Welche musikalischen Einflüsse habt ihr alle?
Eigentlich ist es so, dass, wenn man die vier Bandmitglieder vergleicht, wir sehr verschiedene Einflüsse haben, andererseits sind sie aber auch wieder sehr ähnlich. Fréderic hat mehr diesen Dance-Background und hat eine klassische Klavier-Ausbildung. Er mag aber auch ein paar härtere Genres aus dem Rock- und Metal-Bereich. Jo hört größtenteils Heavy – tiefe, langsame und düstere Gitarrenmusik. Und Karl und Filip sind wohl die Metalheads der Band, sie hören aber auch andere Genres und Bands. Karl kann sich z.B. auch für einige Electro-Tracks begeistern.
Wenn man all das zusammenbringt, dann hat man den Sound von Doganov. Jeder hat seinen Platz – und seinen Sound – in der Band.

Da ihr aus Belgien kommt und düstere Musik mögt: seid ihr eigentlich auch von der belgischen EBM-Szene oder speziell Front 242 beeinflusst?
Wir sind an der EBM-Szene bislang nicht aktiv beteiligt und versuchen momentan eher, uns nicht selbst in irgend eine Schublade zu stecken. Wir kennen Leute, die verschiedenste Musikstile mögen und schätzen, was wir tun. Es ist mehr eine Frage von Aufgeschlossenheit. Ein paar Bands aus der EBM-Szene kennen wir musikalisch, aber natürlich nicht alle – und: ja, Front 242 gehört dazu.

Und was ist mit Rammstein?
Es gibt einige Leute, die unsere Riffs und unseren düsteren Sound mit Rammstein in Verbindung bringen. Wir machen das nicht absichtlich, aber wir hören Rammstein und möglicherweise hat uns das beeinflusst. Und, weißt du, da wir aus Belgien kommen, verstehen wir einen Großteil ihrer Texte. Hauptsächlich hören wir aber doch eher andere Dinge, wie z.B. Nine Inch Nails, Tool, Depeche Mode, …

Die Songs und Sounds der EP und der “History”-Single wurden vermutlich über einige Jahre hinweg entwickelt – und vielleicht sind die Ideen ja sogar noch älter. Deshalb: gibt es eine aktuelle Tendenz, in welche Richtung euer Sound und eure Interessen gerade gehen?
In der Tat waren die meisten unserer Songs in einer Art Inkarnation – da ist das Wort wieder – schon da, existierten in einer anderen Form schon, als Karl und Fréderic noch alleine schrieben. Als sie dann mit dem Material zusammen mit zwei Gitarren arbeiteten, war der Doganov-Sound geboren.
Wir sind glücklich mit unserem Sound, so wie er ist. Aber wir könnten Rat gebrauchen, wie wir ihn technisch auf jede mögliche Art verbessern könnten.

Eure Text sind sehr schwer zu interpretieren – zumindest für mich. Aber ich würde sagen, die meisten Lieder erzählen von Liebe und davon, verletzt zu werden, und so. Das bildet für mich einen gewissen Kontrast zu der tanzbaren und teilweise brutalen Musik. Ist das euer Antrieb?
Unsere Texte bieten Platz für Interpretation. Jeder einzelne Hörer kann da seine bzw. ihre eigene Message herauslesen. Es ist alles eine Frage des Kontextes und was man in unseren Worten hören möchte. Und Identifikation natürlich auch. Es gibt nicht die eine Wahrheit oder die eine, richtige Bedeutung.
Karl: Die Texte sind sehr persönliche, kleine Geschichten. Sie handeln von Liebe und davon, verletzt zu werden. Das können auch richtige Teufel sein. Somit ist das Singen bei Doganov so, als würde ich ständig selbst Exorzismus betreiben… und gleichzeitig Heilung. Beide Seiten dieser Dualität lassen einen sich selbst überwinden und eine eigene Einheit werden. Eine Einheit in Frieden mit all den Dingen – so, wie sie sind. Keine Wertung oder was auch immer. Es ist so, wie es ist (manchmal leichter gesagt, als getan).
Wie unsere Worte andere berühren ist subjektiv. Und der Kontrast, den du darin siehst, stützt das: für dich ist es ein Kontrast, für mich die richtige Musik zu den richtigen Worten.
Die Texte sind allerdings nicht der Antrieb für den Produktionsprozess. Sie kommen nach der Musik. Was aber natürlich nicht bedeutet, dass sie weniger Wichtigkeit besäßen.

Wie sieht euer Songwriting-Workflow aus?
Das sieht so aus, dass wir hinter der Workstation sitzen und Tracks arrangieren und Sounds justieren. Wenn ein Song reif wird, dann nehmen wir den mal mit zu einer Probe und schauen, ob er auch funktioniert, wenn wir alle vier zusammen spielen. Dieser Prozess wiederholt sich dann ggfs. einige Male, bis wir dann letztendlich einen Song haben, der gemastert werden kann. Die Phase des Mixens ist eigentlich mit diesem Prozess verflochten. Ständig optimieren wir noch ein paar Dinge, damit es sich am Schluss noch besser anhört.
Normalerweise wird das Ganze dann bei einem sehr guten, belgischen Mastering-Spezialisten, der in der Dance-Szene bekannt ist, gemastert.
Manchmal machen wir das alles aber auch anders herum: wir spielen einfach ein Riff oder eine Keyboard-Line und bauen zu viert in einem Raum direkt darauf auf. Und wenn wir dann der Meinung sind, dass wir eine Basis haben, die gut genug ist, dann nehmen wir das mit an die Workstation.
Obwohl Karl eigentlich normalerweise nur die Lyrics schreibt, steuert er auch ein paar Gitarren-Riffs und -Teile bei, so dass wir zeitweise mit drei Gitarren spielen. Das mag vielleicht auch mal interessant sein, das live so zu machen – wer weiß.

Habt ihr einen designierten Songwriter, der den anderen eine ziemlich vollendete Idee präsentiert oder beginnt jeder Prozess mit einer sehr einfach Idee, die dann von allen Bandmitgliedern angereichert wird?
Wir haben sogar zwei: Fréderic und Karl sind hauptsächlich die Songwriter für Doganov. Filip teilt dieselbe Denkweise und weiß, wo ein typischer Doganov-Song landen sollte. Aber vermutlich werden wir immer den ersten Funken hauptsächlich von Fré und Karl bekommen – und danach die Mitwirkung durch Jo und Filip.

Wie eure Band arrangiert ist, ist sehr ungewöhnlich – mit zwei Gitarristen, einem Synthie und einem Sänger. Ist das für euch das perfekte Setup, sowohl für’s Studio als auch für Live-Situationen?
Wir lieben es, ein bisschen anders zu sein. Das ist natürlich so gewachsen und ist nun einer unserer größten Vorzüge. Auch bei der Live-Arbeit, davon sind wir überzeugt, würden ein Bassist oder ein Schlagzeuger nicht für einen besseren Doganov-Sound sorgen. Unsere Musik ist in der momentanen Form voll und energetisch genug. Sollten wir in der Zukunft über uns hinanswachsen – wer weiß – dann bringen wir vielleicht neue Elemente in die Live-Shows. Filip träumt davon, dass noch ein Oboe-Spieler dazukommt…
In Belgien gibt es jetzt eine strenge Begrenzung der Lautstärke bei den Auftritten. Ohne einen Schlagzeuger können wir auch in kleineren Räumen innerhalb dieser Grenzen bleiben. Und bei großen Örtlichkeiten sind wir meist die lauteste Band, weil unser Tontechniker die Drums noch mehr aufdrehen kann… :)

Ihr vermisst nicht manchmal einen Bassisten?
Filip hat auch mal ein paar Jahre Bass in einer Band gespielt. Sollten wir also mal der Meinung sein, dass wir einen bräuchten, könnte er schnell einspringen!

Ihr habt bislang keinen Plattendeal, seid noch “unsigned”. Was glaub ihr, ist das Problem?
Das wissen wir natürlich nicht – wir sehen kein Problem :) Es könnte eben sein, dass die meisten Labels eher auf poppiges Zeug setzen. Die wollen natürlich Geld machen. Und man kann Doganov eben nicht in eine Schublade packen. Das mag etwas nachteilig für uns sein. Dazu kommt, dass wir das Ganze behutsam und geduldig angehen wollen und nicht einfach unbedacht das erstbeste Angebot annehmen wollen. Wir wollen eher abwarten und uns mit den richtigen Leuten umgeben. Die Musikindustrie hat sich in letzter Zeit scheinbar sehr gewandelt – gekürzte Budgets und wenige unter Vertrag genommene Künstler. Andererseits ist das mit den digitalen Releases ja auch einfach zu arrangieren. So können wir unsere Musik unabhängig veröffentlichen.

Habt ihr schonmal an Crowdfunding gedacht?
Ja, aber momentan planen wir nicht, in dieser Richtung etwas zu tun.

Ist ein gesamtes Album geplant?
Wir wollen natürlich ein Album veröffentlichen. Aber jetzt haben wir erst einmal die Songs der EP draußen und wollen die live spielen. Wir haben genug Ideen und Material für einige Alben – also können wir bald darüber sprechen.

Und würdet ihr das wieder selbst produzieren?
Sollten wir auf jemanden treffen, der uns auf ein höheres Level bringen und in einer positiven Art beitragen könnte, dann könnte man das sicher in Betracht ziehen.
Da wir aber drei Produzenten in der Band haben, können wir auch viel selbst tun. Es geht darum, dass man dem Produzenten vertrauen können muss. Wir wollen unbedingt die Kontrolle über unsere Songs haben. Aber vielleicht würden das auch sofort ändern, wenn wir auf den richtigen Mann oder auf die richtige Frau dafür treffen würden.

Wart ihr eigentlich schonmal für ein Konzert in Deutschland? Gibt es derzeit Pläne, hier aufzutreten?
Nein, bislang nicht. Aber wir haben zwei Freunde, die die Szene dort kennen und Doganov dort für ein paar Gigs ins Gespräch bringen wollen. Wir meinen schon, dass Deutschland ein guter Ort für unsere Shows wäre. Sollte Rammstein zur Verfügung stehen, würden wir gerne den Opener für sie machen. :)

Wie sehen eure Zukunfstpläne im Allgemeinen aus?
Zunächst einmal haben wir noch einige Shows bis zum Ende des Jahres – und wir können hoffentlich noch ein paar mehr dranhängen. Außerdem arbeiten wir noch daran, visuelle Effekte in die Liveshows einzubinden. Projektionen könnten die Atmosphäre und die Texte schön mit Videos oder Bildern betonen.
Und natürlich sprechen wir auch mit ein paar Oboe-Spielern.

Gibt es irgend eine Frage, die ich eurer Meinung noch hätte stellen sollen? Oder vielleicht irgend etwas, das ihr gerne in die Welt (oder zumindest an unsere Leser, also FAST die ganze Welt) herausrufen würdet?
Kommt und schaut euch eine unserer Shows an und spürt, dass Doganov “etwas Düsteres zum Tanzen” ist!

Danke euch für eure Antworten.
Danke für das Interview. Hat uns Spaß gemacht.
Karl, Fréderic, Jo und Filip.

Über den Autor des Beitrags

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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