Interview mit Martino Senzao – Zwischen Stagediving und Glücksgefühlen im MediaMarkt

Unsere Jasmin hat sich mit Martino Senzao, Inventar und guter Seele des Rookies & Kings Store getroffen, um mit ihm über sein Debütalbum „Werk eins“, Stage-Diving und Glücksmomente im MediaMarkt zu reden.

Martino Senzao

 

Wie Du mir gerade vorab erzählt hast, hast du deine Wurzeln im Badischen…

Richtig, meine Mutter kommt aus Gutmadingen in der Nähe von Tuttlingen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern wie ich als Kind dort gespielt habe. Wenn wir als unsere Jahresversammlung vom MSK 15 dort in der Nähe haben, verbinde ich es immer mit ein paar Tagen Urlaub. Ich finde es auch immer wieder schön, den Dialekt zu hören.

Dann muss ich mir also keine Gedanken machen, wenn ich das Interview im badischen bzw. alemannischen Dialekt führe?

Überhaupt nicht, ich finde das gut wenn man hört wo jemand seine Wurzeln hat. Und ich versteht nicht warum immer alle Hochdeutsch reden müssen. Neulich hatten wir Schulklassen aus Wien, München und Berlin im Rookies. Kein Einziger hat in seinem Dialekt gesprochen, alle waren irgendwie gleich, langweilig.

Ihr seid ja jetzt schon eine Weile mit der Rookies & Kings-Tour unterwegs. Was war dein Highlight?

Für mich ist das Problem, dass wir rein als Aftershow gebucht sind, also nicht mit dem Album. Wir schmeißen da ein oder zwei Lieder rein, aber machen dort die Frei.Wild-Geschichte. Und man merkt einfach: Nach vier Bands ist das Publikum durch. Man versucht dann immer das Publikum nochmal nach oben zu treiben, aber die sind halt einfach fertig mit der Welt. Das Schönste bis jetzt — morgen kommt ja noch Brixen, lassen wir uns überraschen. Aber ich glaube Berlin war schon so ein Highlight. Alle haben mitgefeiert. Da hab ich auch Stagediving gemacht, aber die Schweine sind alle auf die Seite, und ich bin mit der Fresse voraus gelandet. Aber es war lustig! Berlin war schon geil. Die haben schon bis zum Schluss durchgehalten. War cool! Wobei alle irgendwo geil sind.

Im Rookies & Kings-Store bist du ja fester Bestandteil — man kann sagen Inventar. Wie kam es zu dem Wunsch, ein eigenes Album aufzunehmen?

Ich bin ja schon 40+. Ich höre ja glaub seit 25 Jahren nichts anderes. Da hat man irgendwo immer den Wunsch oder diese Fantasie, es wäre geil mal ein Lied zu machen. Und dann haben wir spontan und eigentlich aus Spaß ein Lied produziert. Und aus einem Lied wurden zwei Lieder, dann drei.  Dann haben wir eine Single gemacht. Die hat sich außergewöhnlich gut verkauft. Ich habe das ja selbst nicht geglaubt. Ich habe halt versucht, mit der Single die Spesen unterzubringen. Nach der Single folgt halt ein Album. Und dann habe ich lange Zeit gezögert und gewartet, und dann kam der Augenblick wo ich gesagt habe: „Okay, jetzt mach ich was!“. Immer natürlich im Vordergrund: der Spaß.

Was haben deine Familie und Freunde gesagt, als du Ernst gemacht hast und klar war, dass es ein Album geben wird? Haben die gesagt: „Dreht er jetzt völlig durch? Muss er das jetzt auch noch machen?“?

Stimmt! Genau das haben sie gesagt, das war ihre Antwort. Aber ich glaube die, die mich kennen, die wissen ja, dass ich nicht normal bin. Und die, die mich kennen wissen auch, dass ich das mit Leidenschaft und Spaß mache. Meine Mutter ist halt schwer erkrankt in der ganzen Phase, und wenn man so jemanden um sich hat, wo man merkt er ist krank… Ich glaub diese Zeit spiegelt sich auch in dem Album. Erst im Nachhinein merke ich jetzt, wie extrem mich das beschäftigt hat und die Zeit die man hier auf der Erde hat ist halt kostbar. Und dann hab ich mir gedacht: Jetzt oder nie! Wie ich vorhin gesagt habe: Ich bin über 40 und vielleicht bin ich morgen weg. Ich kenne leider Gottes einige in meinem Alter, die schon krank sind oder plötzlich gestorben sind. Deshalb habe ich gesagt: So ich verewige mich jetzt, und wenn ich vielleicht mal im Altenheim sitze, sag ich zu der richtig netten, hübschen Altenpflegerin: „Hey Puppe! Schau mal, das ist mein Video und das ist meine CD…“. Man hat sich halt verewigt. Wie schon gesagt… der Spaß ist das Wichtigste an der Geschichte.

Im Song „Liebe reingeballert“ heißt es: „Ihr habt mir Liebe reingeballert, ich habe es lange nicht kapiert“. Wenn man das so hört könnte man denken, du bist mal vom „richtigen Weg“ abgekommen und hast die helfende Hand ausgeschlagen.

Ganz genau, das ist ja eigentlich die Message. Dass ich halt leider Gottes von denen bin bzw. war, die immer nur Scheiße gebaut haben. Immer. Die ganze Jugend komplett durch mit Polizeiproblemen… und dann war man besoffen, dann gab es immer wieder Probleme. Meine Mutter hat immer wieder gesagt — das ist eigentlich ganz lustig — bei der Geburt fing es schon an, da habe ich ihr drei Rippen gebrochen. Da fingen die Probleme also schon an, speziell eben in der Jugendphase. Und deshalb auch der Begriff „reingeballert“. Das klingt ja schon ein bisschen aggressiver, und so soll das auch klingen. Weil du bekommst mit einer ziemlichen Aggressivität im positiven Sinne Liebe reingeballert und du checkst es nicht. Und die ganzen Jugendlichen, ich glaube Tausende, checken wirklich nicht, dass die Eltern nur Gutes suchen und das Gute nicht ernten. Und deshalb dieser Song, weil man viel Scheiße gebaut hat und die Eltern mussten immer darunter leiden. Und heute ist man ein bisschen älter, reifer, schlauer… manchmal, nicht immer. Dann hofft man halt, dass die eigenen Kinder nicht so drauf sind.

Was würdest du machen, wenn deine Kinder in der Sache nach Dir kommen?

Wir sind ja Gott sein Dank eine andere Generation und sehen die Welt ein bisschen anders. Mein Vorteil ist: Brixen ist nicht groß, und ich kenne jeden Security in ganz Südtirol fast schon, mittlerweile. Dann gibt’s einen Funkspruch, und der liebe Papa steht dann direkt vorne an der Tanzfläche, und dann funktioniert’s. Weil… meine Kinder wissen dann, dass ich das auch machen würde. Aber wie gesagt: Ich glaube wir sind auch eine andere Generation, die viele Sachen anders aufsaugt oder versteht als die Generation vorher. Ich bzw. wir, also mein Freundeskreis, haben nie Drogen genommen. Das wäre ein Tabu für mich. Aber, mein Gott, mal ein Bierchen oder zwei… Ich hoffe einfach, dass die ruhiger sind wie ich.

In einem alten Interview aus 2016 mit dir wurdest du gefragt, ob du nicht mal mit Frei.Wild auf Tour gehst. Als Antwort meintest du, mit „nur“ drei Songs (damals) ginge das schlecht als Vorband. Jetzt wären ja ein paar mehr da…

Ich habe nicht mal ’ne Band, das ist ja das Geile… Dann wäre der nächste Spruch: „Ja… wenn ich mal ’ne Band habe“. Man weiß es nicht was auf uns zukommt. Wie wo was steht noch ein bisschen in den Sternen. Wir tüfteln daran, aber wenn, dann will ich das wieder so machen, wie es nicht jeder macht. Und man merkt es ja auch bei der Musik selber. Wir haben moderne Elemente mit drin, es soll ein bisschen anders sein als alles andere — weil ich halt auch anders bin als alle anderen. Und was da auf mich bzw. uns zukommt steht alles noch nicht so fest. Ich habe immer gesagt: „So jetzt kommt das Album, da kommt die Rookies-Tour, dann kommt die Frei.Wild-Tour Ende Dezember und dann lassen wir dass alles mal ein paar Wochen sacken.“. Aber ich glaube es kommt schon was, ich weiß noch nicht in welcher Form — ob mit oder ohne Band.

Ist das Album jetzt für dich eine einmalige Sache?

Mich hat es ja selbst gewundert, sogar extrem gewundert, dass das Album in die Albumcharts gerutscht ist. Ich habe jetzt bei der Tour einen Anruf bekommen… irgendeiner vom Management: „Hey wir rutschen in die Albumcharts!“. Meine Antwort war nur: „Wie bitte?!“. Ich habe immer gesagt, wenn ich mit dem Album in die Charts rutsche, tätowiere ich mir natürlich die Zahl. Das mach ich nächste Woche. Ich habe gedacht das gibt es nicht, und ich habe es wirklich bis zur letzten Minute nicht glauben wollen oder können. Das war so unerwartet. Ob „Werk zwei“? Ich glaube ich freu mich erstmal über „Werk eins“.

Aber nochmal kurz zu den schönen Erlebnissen auf der Tour. Ich bin mit den Jungs von den Bad Jokers in den MediaMarkt und wollte mein Album kaufen. Ich spaziere zum Verkäufer und sag: „Ich such das Album von Martino.“. Und er: „Wer?“. Ich so: „Werk eins!“. Er suchte in seinem System und dann kam er anmarschiert und sagt: „Ist ausverkauft.“. So und wir schreien uns gegenseitig an — „Yeeeeeeeeeeeeeeeaaah! Wir haben es geschafft! Ausverkauft!“. Der hat uns angeschaut… „Wie bitte?“. Ich bin natürlich rumgesprungen und schrie rum. Leider Gottes habe ich halt auch ein lautes Organ, und jeder schaute uns an. Ich bin dann nochmal zu ihm hin und hab gefragt: „Hey Meister, wieviel hast denn verkauft?“. Er schaute wieder nach. Seine Antworte: „Eins.“. Der hat ein einziges bestellt und eines verkauft… aber immerhin zwischen Zwickau und keine Ahnung wo am Arsch der Welt war es ausverkauft. Das war schon so ein Erlebnis. Dann sind wir zum nächsten MediaMarkt — MediaMarkt-Hopping, sozusagen. Rein in den MediaMarkt… „Werk eins“ in den Händen, bin zur Kasse und hab zu der älteren Dame gesagt: „So ich möchte mein eigenes Album käuflich erwerben.“. Sie fragte dann: „Sind sie das?“, und ich: „Ja, ich möchte mein Album käuflich erwerben.“. Und sie fragte mich: „Warum?“. Meine Antwort: „Weil es geil ist!“. Das Album habe ich zuhause schön noch mit dem Aufkleber vom MedialMarkt in meinem Kästchen. Das war schon ein geiles Gefühl, sein Album zu kaufen. Da merkt man erst wie weit die Geschichte gegangen ist. Im MediaMarkt war auch seine Box ausgestellt. Die war mit dem WLAN verbunden, und dann haben wir natürlich mein Lied reingekickt, volle Kanne und weggelaufen. Wie die kleinen Kinder… Dann kam der Markus von den Bad Jokers, der war gerade ein bisschen hinter uns im oberen Bereich zu den CDs und schreit: „Hey unten läuft dein Lied! Scheiße ist das geil!“.

Was macht dir mehr Spaß… die Arbeit im Rookies & Kings-Store oder dieses Animateur-, Entertainer-Dasein?

Oder als Speaker?! Als das wurde ich heute betitelt, das ist mein neuer Name. Ich habe alle Namen, ich bin kein DJ, werde als DJ betitelt, ich bin kein Verkäufer und werde als Verkäufer betitelt, Inventar, Entertainer etc.

Die Tourgeschichte, speziell diese Aftershow-Geschichte mit vier Bands, ist schwierig für dich selber, die Menschen zu animieren. Bei einer After-Show-Party von Frei.Wild ist das viel, viel leichter, weil auch einfach mehr Menschen da sind. Klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich habe immer so verschiedene Phasen. Es gibt immer mal die Phase, wo ich sage: Jetzt brauch ich das wieder so, wenig Schlaf — Angriff, und dann brauch ich auch wieder den Laden. Ich bin immer wieder froh, im Shop zu stehen. Es werden dort viele Freundschaften geknüpft, und man kennt mittlerweile verdammt viele Menschen und freut sich auf die Gesichter. Es ist eigentlich für mich beides irgendwo Hobby. Ich brauche Menschen, egal ob ich vor einer Bühne stehe, auf einer Bühne stehe, oder aber bei mir im Laden. Ich brauche das Zwischenmenschliche, und das ist mir auch sehr wichtig. Nach dem Alpenflair bin ich immer wieder froh, dass ich nichts machen muss, weil da geht’s halt dann schon richtig zu Sache. Aber ist cool… ich fühl mich eigentlich immer wohl.

Und wir kommen schon zum Ende… Wenn du unterwegs bist, vermisst du den Laden bzw. machst du dir Gedanken darüber, ob alles glatt läuft, wenn man nicht da ist?

Ganz genau, ich habe gerade vorhin wieder telefoniert und gefragt ob alles in Ordnung ist, weil es ist doch schon wie so ein Kind für mich. Man hat viel Herzblut mit reingesteckt, den Laden mit aufgebaut. Wo man übrigens anfangs auch ein bisschen belächelt wurde… und mittlerweile rollen dir die schon fast den roten Teppich aus, weil man sieht, man hat was erschaffen, was auch funktioniert. Dann macht man sich wieder Sorgen, weil heute neue Ware reingekommen ist. Dann überlegt man wie, wo, was. Ich habe mir Fotos schicken lassen. Wie du es so schön vorhin sagtest: Man ist ja auch mittlerweile „Inventar“, und ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen. Ich wurde auch oft schon gefragt, was wäre, wenn du jetzt mit der Musik, oder deinen anderen Sachen mehr Erfolg hast? Würdest du oder bleibst du trotzdem im Laden? Natürlich bleib ich im Laden, zu 1000%! Ich brauche dieses Arbeiten zwischen Tattoo-Bereich, Organisation, Menschen und Shop. Ich brauch das einfach. Außer wir machen ihn vielleicht mal zu. Aber dann übernehme ich ihn einfach und mach einen Gemüseladen auf.

Über den Autor des Beitrags

Jasmin

Steht eher auf die harten Jungs… Rock, Deutschrock, Neue Deutsche Härte oder Heavy Metal… es darf laut sein! Manchmal wagt sie auch Experimente und besucht ein Rap- oder Schlagerkonzert, danach wird dann entschieden, ob es eine Wiederholung gibt.
Ihre Freizeit verbringt sie auch gerne mal in verlassenen Fabriken oder Villen, um mit der Kamera den Verfall zu dokumentieren. Entspannt wird danach mit einem guten Buch zuhause.

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