The Inchtabokatables – Ein Interview aus besseren Zeiten (23.04.2001)

Nach dem aktuellen Bandstatement zu einer möglichen Reunion können wir die Band The Inchtabokatables aus Ost-Berlin wohl erst einmal getrost abschreiben. Aus diesem Grund noch einmal ein Interview aus -für die Fans – sicherlich besseren Zeiten, geführt am 23.04.2001 im Freiburger Jazzhaus:

The Inchtabokatables aus Berlin bedürfen eigentlich Dank ihrer 10-jährigen Bandgeschichte und zahlreicher Features bei tribe-online.de groß keiner Vorstellung mehr. Mit dem neuen Album „Mitten im Krieg“ bewegen sie sich fernab ihrer Folkrock-Roots, mit denen sie nebenbei bemerkt eine ganze Reihe an erfolgreichen deutschen Bands beeinflussten. Ganz klar erfuhr jedes Album eine Steigerung durch das nachfolgende, so auch hier, beim brandneuen Release der Ostberliner. Wer sich von der komplexen Erscheinungsform der neuen, nahezu symphonischen Songs nicht abschrecken ließ, wird mit einem wahrhaft spannenden und atmosphärisch dichten Album belohnt.

Promo_Foto8 Copyright StrangeWaysIm Office des Freiburger Jazzhaus sprach ich mit Sänger Robert Beckmann über das neue Album, die „neuen Inchies“ und den Fakt, dass die ausufernden Kompositionen der Band es uns als Konsumenten nicht gerade einfach machen.

„Wir sind nicht dazu da, es den Leuten leicht zu machen. In den letzten Jahren haben wir ohnehin nicht allen Erwartungshaltungen entsprochen. Mit dem Album „Quiet“ machte sich ein gewisser Industrialeinfluss in unserer Musik breit, in Form von Backbeats und Maschinengeräuschen. Mit der Arbeit an „Mitten im Krieg“ haben wir uns sehr viel Zeit gelassen, auch weil wir nicht mehr durch eine Plattenfirma gebunden waren. Die Aufnahmen finden in verschiedenen Studios statt, unter vielen verschiedenen Konstellationen.“

Selbstbewusst reservierten die Inchtabokatables die ersten 50 Minuten der Liveauftritte zur Präsentation des neuen Albums.

„Mit dieser Aktion stiessen wir natürlich auf ein geteiltes Echo. Wir hofften auf die Leute, die zu einem Konzert kommen, um sich die Band anzuhören, nicht um in den ersten 3 Reihen abzuhotten. Am meisten fühlen sich die Leute davon gestört, die vergessen haben, sich mit uns weiterzuentwickeln. Hinterher wird es natürlich noch ältere Songs geben, nach 50 Minuten „Mitten im Krieg“ ist ein Inchtabokatables Konzert selbstverständlich nicht zu Ende. Aber nach so konzentrierten Stücken können wir nicht den „Tomatenfisch“ anbieten. Gewisse Stücke haben wir dazugenommen, die die Sache dann ziemlich rund machen.“

Zur Zeit, als das politische Augenmerk in die Krisenregion vom ehemaligen Jugoslawien und dem dortigen Krieg im Kosovo gerichtet war, entstanden die Aufnahmen zum Album „Mitten im Krieg“.

„Eineinhalb Jahre haben wir intensiv an der Platte gearbeitet, waren 14-16 Stunden täglich im Studio. Und Abends, wenn man nach Hause kam und den Fernseher anschaltete, kamen Nachrichten vom Krieg im Kosovo. Das machte auf uns einen sehr unwirklichen Eindruck. Deshalb der Name „Mitten im Krieg“. Der Titel verleitet zwar dazu, unsere Lyrik global zu sehen. Konflikte entstehen viel mehr in kleinen, gesellschaftlichen Zusammenhängen, zwischen Menschen. Bei uns spielen Beziehungen und Liebesbeziehungen eine große Rolle, die durch die Rosen und Wunden, entstanden durch die Dornen, symbolisiert werden.“

„Mitten Im Krieg“ ist ein klares Bekenntnis zu den natürlichen Klangquellen, auf Loops und Samples, die auf „Too Loud“ und „Quiet“ zum Einsatz kamen, wurde verzichtet. Dies unterstreicht die musikalischer Versiertheit dieser Band.

„Alle hörbaren Geräusche wurden auf natürliche Weise in irgendeiner Art von uns erzeugt.“

Die komplexen Stücke, die auch vom Tempo etwas gemächlicher daherkommen, stehen im Gegensatz zu der Live-Energie, die man von den gerne gelobten Konzerten gewohnt ist. Das Publikum im Jazzhaus reagierte zwar verhalten positiv auf die neuen Stücke, aber als dann wohlbekannte, ältere Songs erklangen, war wieder die gewisse Euphorie da, die ich sonst immer beobachtete.

„Der dramaturgische Inhalt der Musik musste zum tragen kommen, da konnten wir auch nicht auf die Durchführbarkeit was die Liveperformance angeht Rücksicht nehmen. Die Länge der Stücke kam beim Komponieren. So wie wir den Spannungsbogen beim komponieren empfunden haben, beobachten wir ihn auch bei den aufmerksamen Konzertbesuchern, die sich die Zeit nehmen, das nachzuvollziehen. Nach dem Album war die Live-Umsetzung die nächste Herausforderung, denn beim Komponieren machten wir uns darüber noch keine Gedanken. Manche Sachen funktionieren, wenn man sie 1:1 spielt, aber viele brauchten Änderungen, um die Intensität und Dichte des Albums auch auf die Bühne zu kriegen, unterstützt von einer Videoprojektion.“

Die neue künstlerische Freiheit, Musik nahezu im intuitiven Wildwuchs entstehen zu lassen, kam unter anderem auch, weil sich Beckmann und Co. in gegenseitigem Einverständnis von ihrer alten Plattenfirma BMG getrennt haben und „Mitten im Krieg“ in absoluter Eigenregie konzipierten.

„Es war klar, dass wir die Chance nutzen sollten, das Ding alleine durchzuziehen, ohne dass uns jemand reinredet. Die Platte war komplett eingespielt, und die haben wir zusammen mit dem Video zu „Come With Me“, das mit Hilfe von Freunden im Hinblick auf Ignoranz der Musiksender entstanden ist, den Plattenfirmen angeboten. Auch finanziell gesehen stiessen wir nicht an Grenzen, es gab ein sehr großes Entgegenkommen von vielen Leuten, die das Material hörten und sagten:“ Hört auf, von Geld zu reden. Dieses Album muss gemacht werden, über Geld können wir später reden.“ Gerade im Horus-Studio in Hannover verbrachten wir Zeit, die unter normalen Bedingungen gar nicht finanzierbar war. Die Produzenten und auch die Leute, die unser Video produziert haben, kamen uns in der Hinsicht sehr entgegen.“

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Chris

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