Triggerfinger – Vitamine für das Gehirn

Dienstag, 17. Oktober 2017. Reger Verkehr in der frühabendlichen Sonne vor dem Jazzhaus. Noch ist nicht viel los vor dem Eingang. So lassen sich Sänger und Gitarrist Ruben Block, Schlagzeuger Mario Goossens und Bassist Paul Van Bruystegem kurzerhand auf der Eingangstreppe nieder, um einige Worte zum jüngst veröffentlichten Album ‚Colossus‘ und der gleichnamigen Tour zu verlieren. Immer wieder dringen Töne des gerade stattfindenden Soundchecks der Züricher Band The Weyers nach draussen, die heute und bei einigen weiteren Gigs den Support besorgen.

Bild Copyright Diego Franssens

Heute beginnt ein neuer Tourabschnitt und Ihr seid zum ersten Mal in Freiburg. Hattet ihr die Zeit, Euch ein wenig in der Stadt umzuschauen?

„Heute nicht, manchmal schaffen wir es, meistens, wenn wir einen freien Tag haben. Heute spielen wir mit Keyboarder David, deshalb mussten wir erst einmal ausprobieren, wie wir uns auf der Bühne aufstellen.“

Ihr holt Euch also Unterstützung von Gastmusikern? Bisher war ja manchmal Euer Tourmanager Tom mit auf der Bühne zu sehen.

„In den UK haben wir nur als Trio gespielt. Es macht aber auch Spass, mit mehreren Musikern zu spielen. Manche Songs kann man mit unterschiedlicher Dynamik spielen. Und es ändert auch die Dynamik auf der Bühne, wenn noch jemand dabei ist.“

Ende August erschien Euer neues Album ‚Colossus‘. Wie kommt das neue Material an?

„Seit dem Sommer haben wir einige Shows gespielt, zum aufwärmen und ausprobieren, aber auch einige Festival-Gigs. Seit dem 4, Oktober sind wir unterwegs, kommen jetzt aus UK. Dort waren es kleinere Läden, aber die Leute, die kamen wussten wer wir waren und so kamen wir entsprechend an. Es war unsere erste Headliner-Tour dort. Auch die Rezensionen für das neue Alben waren in UK durchweg gut.“

Euch interessieren also die Rezensionen?

„Wir lesen alles! Wie war gleich noch mal Dein Name? Nein ernsthaft: Manchmal interessieren uns die Kritiken, aber nicht immer. Es ist nicht wichtig, ob jeder unser Album mag. Es ist unmöglich, so ein Album aufzunehmen. Es gibt gut geschriebene Reviews, die lesen wir gerne, selbst wenn der Rezensent das Album nicht mag. Aber es ist auch schön, wenn die Leute einfach mögen, was wir machen.“

Für mich klang das neue Album, als hätte sich etwas in Eurem Sound ändern müssen, um voranzukommen. Die letzten Alben klangen sehr handgemacht, auf ‚Colossus‘ sind mehr Keyboards und Effekte zu hören.

„Die letzten Alben entstanden aus der Live-Perspektive. Die Songs wurden aufgenommen, mit uns dreien im Studio. Es gab Interaktion, das ist wichtig für uns. Und das Material musste live umsetzbar sein. Jetzt wollten wir einen Schritt weiter gehen. Wir haben uns auf das konzentriert, was die Demos zum Vorschein brachten und haben das konsequent ausgearbeitet. Erst nachdem das Material aufgenommen war haben wir uns um die Live-Arrangements gekümmert, also wie wir die Songs unterwegs präsentieren. Für uns war es eine sehr interessante Erfahrung, Vitamine für das Gehirn. Wir nutzten unsere Phantasie und Kreativität in einer anderen Art und Weise. Es ist aber definitiv ein Triggerfinger-Abum, auch wenn es etwas anders klingt.“

Sehr auffällig ist neben den Keyboards das Saxophon, das gleich bei mehreren Stücken zum Einsatz kommt.

„Ein Saxophon kam schon auf dem letzten Album zum Einsatz. Ein Barriton-Saxophon funktioniert sehr gut mit Gitarren, um etwa ein Riff zu doppeln. Die Idee dazu war schon auf den Demos, wir haben die Töne mit einem Plastiksaxophon gespielt und wollten es später von einem professionellen Musiker einspielen lassen. Unser Produzent Mitchell Froom ist mit Steve Berlin von Los Lobos befreundet. Der macht sehr verrückte Sachen mit seinem Saxophon und kam zu den Sessions zu ‚Colossus‘ dazu. Deshalb spielt das Instrument auf dem neuen Album eine dominantere Rolle.“

Bild Copyright Diego Franssens

Musikalisch etwas aus dem Rahmen fällt ‚Wollensak Walk‘, ein erdiger Blues.

„Das war eine der letzten Aufnahmen, die wir für Colossus machten. Das Album war eigentlich fertig, und wir hatten noch einen Tag um etwas zu machen. Wir kamen morgens in Mitchs Haus und er schlug vor: Lasst uns ein Instrumental machen, ganz von vorne. Er generierte einen verlangsamten Loop vom Tape, und wir begannen zu dritt, live Akkorde und Melodien darum zu montieren. Paul und Mario saßen zusammen in der Drumkabine, Mitchell spielte Keyboards, und ich spielte die Gitarre in der Toilette, also die Gitarrenkabine war vor der Toilette. Es ist ein kleines Studio, und jeder Raum hat seine Bestimmung. Wir spielten das dann ein-zweimal, ich pfiff dazu und das wars. Es ist schön, wenn so etwas passiert. Etwas ausprobieren, damit herumspielen und ein paar Stunden später hast Du einen Song.“

Eigentlich verblüffend, dass Ihr recht lange am Material schreibt und dann binnen weniger Stunden einen neuen Song aus dem Boden stampft.

„So etwas passiert im Studio. Du arbeitest an Demos, die Skizzen von Songs sind. Jeder von uns dreien kommt mit Ideen. Ruben schreibt meist Sachen, macht Demos und gibt sie uns. Wir spielen damit, ändern etwas und es geht hin und her. Dann geht es ins Studio und dann ändern wir alles noch einmal. Éin Song geht nicht auf eine Person zurück. Selbst vom Toningenieur bekommen wir manchmal noch kreativen Input.“

Das klingt, als fliegen Euch die Ideen förmlich zu.

„Ideen hast Du als Musiker die ganze Zeit. Die nimmt man meist auf dem Telefon auf oder notiert sie in einem Büchlein. Und irgendwann kommt die Zeit wo man sagt: Lasst uns mit einem neuen Album beginnen. Ab dann verdichten sich die Fragmente zu Songs. Wir fingen im April letzten Jahres an, im Oktober ging es ins Studio. Diese Zeit verbringt man in einem konzentrierten Kreationsmodus. Dann sucht man aktiv nach musikalischen, harmonischen Lösungen. Manche Sachen gehen sehr schnell, manche brauchen unendlich lange, um das Puzzle zu beenden.“

Gibt es Songideen, die Ihr schon eine Weile mit Euch herumschleppt oder sind es vor allem die neuen, die zum Tragen kommen?

„Das neue Album besteht fast ausschließlich aus neuen Ideen. Es kann sein, dass ein paar ältere Fragmente drinstecken, Ideen die man schon mal hatte und dann vergessen hat. Das wäre aber eher unbewusst. Der Country-Song ‚Tiger Shark‘, den hatten wir schon mal für einen Soundtrack zu einem belgischen Film gemacht. Im Film ist er dann kurz und entfernt aus der Jukebox in einer Bar zu hören. Für das Album haben wir dann eine neue Version gemacht, als Hidden-Track. Den haben wir alle zusammen in der Drumkabine aufgenommen. Das ist aber dann wirklich alles an Überschuss.“

Habt Ihr den Produzent Mitchell Froom selbst gewählt oder wurde er Euch vom Label oder Management vorgeschlagen?

„Wir hatten einige Optionen. Es kommt aber immer darauf an, wer im Endeffekt Zeit hat, den Job zu übernehmen. Mitchell war eine Option. Er hat auch sehr schnell auf unsere Anfrage geantwortet, hat präzise beschrieben, was er an unseren Demos gut findet und was nicht. Rückblickend muss man sagen, dass er ein Glücksgriff für uns war.“

Um das Album zu machen wart Ihr dann 6 Wochen in USA, in Santa Monica/Kalifornien. Wie war die Zeit für Euch, konntet Ihr den Aufenthalt genießen?

„Es war nicht so viel Zeit wie es sich vielleicht anhört. Natürlich waren wir auch mal aus und haben uns ein Konzert angeschaut. Aber es braucht sehr viel Konzentration, ein Album zu machen. Man befindet sich in seinem Kopf. Aber es ist sehr angenehm, sich Morgens einen Kaffee zu nehmen, um am Strand an den Lyrics zu feilen. Mitchell ist kein Fan davon, Sessions zu unterbrechen. Dann bekommst du Hunger, kannst dich nicht mehr richtig einbringen, alles fällt auseinander. Mittagspausen brauchen sehr viel Zeit: Was wird gegessen? Wo bekommen wir es her? Wer holt das Essen?. Da gehen 2-3 Stunden drauf. Dann kommt das Essen, es wird gegessen und danach musst Du wieder den Groove in die Aufnahmen finden. Deshalb haben wir um 11-12 angefangen und meist bis 5-6 ununterbrochen gearbeitet, und das hat sich als sehr gute Weise herausgestellt. Da bleibt man fokussiert. Um 7 bist Du dann müde und fertig. Dann hast Du Zeit für Dich am Abend, kannst den Gedanken freien Lauf geben. Und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. So ist es mit dem ganzen Album, es gibt Tage, da arbeitet man wie irre und es kommt nichts dabei heraus. Wenn dann die Gedanken frei kreisen können, dann finden sich auch Lösungen. Oder es kommt jemand in den Aufnahmen und sagt, lass es uns mal so probieren. Wie gesagt, es gibt sehr viele Möglichkeiten, ein Album zu schreiben. Manche leben im Studio, aber für uns hat es so hervorragend funktioniert.“

Laut setlist.fm tourt Ihr mit einer konstanten Setlist. Was ist dabei der Vorteil?

„Das ist schwierig zu sagen, für uns hat die statische Setlist den Vorteil, dass wir einen Flow in die Songs bekommen. Wenn wir irgendwann genug haben, dann mischen wir die Sache auch etwas durch. Es kommen auch immer mehr neue Songs ins Set dazu.“

Gibt es für Euch Rituale vor dem Auftritt?

„Wir ziehen uns gerne etwas an, bevor wir auf die Bühne gehen. Ich glaube, darum sind die Leute ganz froh. Es gibt eigentlich kein festes Ritual. Ich wärme mich auf oder versuche es zumindest.“

Gab es mal einen besonders beeindruckenden Support für Euch?

„Wir haben schon so viele gute Bands gesehen. Nach Möglichkeit schauen wir uns auch interessante Bands an, aber wir haben jetzt kein fotografisches Namensgedächtnis, dass wir sagen könnten, oh diese eine Band war besonders gut.“

Wer von Euch ist im Van der Tour-DJ?

„Es gibt keinen DJ im Van, wir haben vier individuelle DJs. Einer möchte auf eine Karte schauen während der Fahrt, der andere liest, der nächste schaut einen Film. Und wenn unser Tourmanager fährt, dann will er keine Musik anhaben. Er mag keine Musik, er hat 1982 mit dem Musikhören aufgehört. Er liebt dafür Bücher.“

Also gibt es auch keinen Song, mit dem man den Bandkollegen todsicher auf die Palme bringen kann?

„Wir reden die ganze Zeit über Musik, zeigen uns gegenseitig, was wir gerade gut finden. Auf Tour zu sein bedeutet zu versuchen, niemandem auf die Nerven zu gehen. Im Van und in den Backstages ist nicht viel Platz, um Dir aus dem Weg zu gehen. Wir sind so etwas wie langweilige, alte Leute.“

Gibt es einen Satz, den kein Bandmitglied sagen würde?

„Niemand würde im Van zugeben, dass er es war, der gefurzt hat.“

Ihr lebt alle in der Umgebung von Antwerpen. Seht Ihr Euch oft?

„Wir sehen uns sehr oft, wenn wir unterwegs sind, in den Meetings der Band oder mit dem Management. In unserer freien Zeit müssen wir uns aber nicht zwingend auch noch treffen. Wir haben alle Familie. Wir arbeiten immer auch mal wieder zwischendurch an unserem Material, ich habe einen kleinen Proberaum und Studio in meinem Haus, und es liegt irgendwo in der Mitte, zwischen Management, Mario und Paul. Wir treffen uns also meist bei mir, auch zu den Proben.“

Nächstes Jahr bestehen Triggerfinger 20 Jahre. Was treibt Euch an, was motiviert Euch?

„Es gibt so vieles, was wir noch nicht erreicht haben. Das coole ist, dass es immer etwas Neues zu erfahren, zu lernen gibt. Es gibt so viel zu erforschen, so viele Richtungen, die man einschlagen kann. Und man kann immer besser werden. Du kannst von jedem, den Du triffst lernen, vom Profi bis zu jemandem, der erst seit 3 Tagen Gitarre spielt. Wäre es anders, dann wären wir wahrscheinlich schon am Ende.“

Über den Autor des Beitrags

Chris

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