Avantasia – Moonglow

Die Sieben ist für viele eine Glückszahl, der Mond ein mystisches Element und Tobias Sammet eine gottähnliche Figur der Metalszene. Gut, letzteres ist durchaus umstritten, denn kaum jemand spaltet die Power-/Symphonicmetal-Fans mehr als besagter Komponist und Produzent. Für sein neustes und siebtes Avantasia-Werk „Moonglow“ hat sich der 41-Jährige zwei Jahre lang zurückgezogen und, wenn man dem Label glauben darf, sogar extra das „The Great Mystery“-Studio gegründet.

Vollmundig wird die Platte also angekündigt und soll neue Maßstäbe in der Bandgeschichte setzen. An den Instrumenten sitzen altbekannte Qualitätsmusiker, und auch an den Mikrofonen finden sich viele bekannte Stimmen wieder, aber auch ein paar neue Interpreten sind dabei und heben das Line-Up auf ein extrem hohes Niveau.

Steigen wir für unsere Review also ein in die Platte, die dem gleichförmigen Himmelskörper huldigt, natürlich passenderweise mit dem Song „Ghosts in the Moon“. Diesen gibt Sammet alleine zum Besten und nimmt direkt zu Anfang alles zur Hand was das Melodic Powermetal-Handbuch vorschreibt. Up- und Lowtempo-Passagen, Streicher, Rhythmuswechsel, es ist alles da. Unverwechselbar ist die Handschrift, mit der er seine Kompositionen versieht. Jeder, der Avantasia kennt und mag, fühlt sich in den ersten Minuten bereits heimisch. Mit fast zehn Minuten Spieldauer bekommt man schon zu Anfang so einiges geboten.

Etwas kräftiger beginnt „Book of Shallows“. Der Song baut im Intro dramatisch aif. Die Riffs werden etwas härter, nach Tobias steigt direkt Hansi Kürsch (Blind Guardian) mit ein, wird vom ebenfalls neu dazu gestoßenen Mille Petrozza (Kreator) sowie Ronnie Atkins (Pretty Maids) und Jorn Lande unterstützt. Die Stimmgewalt der Fünf weiß zu überzeugen, und jeder der Sänger bekommt seinen Part auf den Leib geschneidert, sodass sich ein herrliches Wechselspiel aus Melodien und Stimmen ergibt.

Zurück zum Erdtrabanten geht es im Titelsong „Moonglow“, der sanft einsteigt und von Candice Night (Blackmore’s Night) unterstützt wird. Die Powerbalade ist als Duett ausgelegt und steigert sich zu einer ansehnlichen Gitarrenorgie, welche zum Ende hin nochmal merklich Tempo aufnimmt.

Für die Vinyl-Freunde unter uns wird es nun Zeit, die Scheibe zum ersten Mal zu drehen, um zum bereits veröffentlichten „The Raven Child“ zu gelangen. Das 11-Minuten-Epos startet mit einer sehr prägnanten Harfenuntermalung, welche gut mit den Stimmen von Hansi und Jorn harmoniert. Es schließt sich ein längerer und härterer Instrumentalpart an, bis für die nächste Strophe wieder zur Klassik zurück gewechselt wird. Der Song bietet Avantasia-typisch einige Sing-Along-Passagen, welche auf der kommenden Tour für gute Laune beim Publikum sorgen dürften.

Wir kehren zurück an den nächtlichen Himmel, blicken allerdings mit „Starlight“ etwas mehr in die Ferne. Auch hier übernimmt Sammet die stimmliche Führung und lässt sich zwischenzeitlich von Ronnie Atkins verstärken, der das Projekt auch schon seit viele Jahren begleitet. Der Song selbst kommt einem irgendwie bekannt vor, wartet er doch auch wieder mit allen Elementen auf, die man aus der mittlerweile fast 20 Jahre langen Schaffenszeit der Projektband kennt.

Es wird Zeit den zweiten Rundling aufzulegen. Nachdem wir im letzten Song wieder deutlich schneller unterwegs waren, muss es nun wieder etwas langsamer werden. Geoff Tate (Queensryche) und Tobias liefern sich bei „Invincible“ ein kraftvolles Duett, nur untermalt von einem Piano und einem im Songverlauf immer vehementer vordringenden Orchester.

Ohne Unterbrechung machen die beiden weiter, im sich dramatisch, ja fast schon cineastisch aufbauenden „Alchemy“. Der Refrain ist eingängig, die Aussprache des Titels gewöhnungsbedürftig, auch sonst greift der Songwriter hier wieder in seine bekannte Werkzeugkiste.

Ein 80er-Jahre Synthesizer leitet „The Piper at the Gates of Dawn“ ein. In den kommenden 7:18 Minuten dürfen wir fast das gesamte Cast der Platte hören. Zum ersten Mal für dieses Album stoßen nämlich auch noch Eric Martin (Mr. Big) und Bob Catley (Magnum) dazu. Im Gesamten wirkt der Song etwas aus der Zeit gerückt und erinnert an die Glanzzeiten des Powermetal, als noch fröhlich experimentiert wurde und die meisten der Sänger noch lange, volle Haare trugen.

Ein Piano und ein paar Streicher begleiten uns ins Intro von „Lavender“, in das sich Bob und Tobias zusammen mit einem gewaltigen Backgroundchor zurückziehen. Eine eingängige Melodie geleitet durch den Refrain und lädt zum Mitsingen ein. Die Songarchitektur ist bekannt und folgt den klassischen Erfolgsrezepten eines Popsongs.

Die Endrille knackt, und es wird mal wieder Zeit, das Stück Kunststoff auf dem Plattenteller zu drehen. Der letzte Song „Reqiuem for a Dream“ beginnt mit sakralen Klängen, lässt dann aber zügig wenig Zweifel aufkommen, dass hier eine Metalplatte unter der Nadel liegt. Legt der Song doch direkt zu Anfang schon ein ordentliches Grundtempo vor und erinnert dabei eher an die älteren Alben wie z.B. „The Scarecrow“. Altbekannt und immer wieder beeindruckend in seiner Stimmlage haut Michael Kiske hier nochmal richtig einen raus, und lässt diesen Song zu meinem Favoriten auf dem Album werden. Auch die Musiker dürfen sich in den knapp sechs Minuten nochmal austoben und legen den Grundstein für ausschweifende Live-Soli.

Doch halt, auf der Pressung ist noch Platz. Dass Sammet auch Covern kann, bewies er bereits mit „Lay all your love on me“. Nun muss der Flashdance-Klassiker „Maniac“ dran glauben. Back to the eighties – viel Luft bleibt nicht zu entfalten, manch ein Youtuber hätte den Song wohl ähnlich gestaltet, wenn ihn vom jüngeren Publikum noch jemand kennen würde. Da hilft auch Mr. Big – Eric Martin nicht, diesen Song aus seiner Durchschnittlichkeit herauszuholen.

Da immer noch ein paar Rillen Luft sind, gibt es zu guter Letzt noch den Bonus-Song „Heart“. Tobi zieht sich zurück und singt diesen Midtempo-Song wieder alleine — bzw. im Chorus unterstützt durch den in der zweiten Albumhälfte omnipräsenten Chor. Leider wird man auch bei diesem Stück das Gefühl nicht los, den Song schon mal gehört zu haben.

Die Messlatte für Avantasia liegt sicherlich hoch, haben Tobias und seine Gastmusiker es mit Alben wie „The Scarecrow“, „The Wicked Symphony“ und dem letzten „Ghostlights“ wahnsinnig variable und teils innovative Alben zu produzieren. „Moonglow“ dagegen wirkt ein wenig trübe, ja schon einfallslos. So als wäre der namensgebende Himmelskörper hinter Schleierwolken versteckt. Die Songs sind sauber produziert, die Instrumente und Stimmen sind klar und differenziert, doch all dies reicht nicht mehr, um die Fans hervorzulocken. Zumal das andere größere Metalprojekt in Europa „Ayreon“ auch immer häufiger auf die Bühne kommt und so etwas im Fahrwasser des Edguy-Frontmanns gräbt. Alles in allem ist „Moonglow“ eins der schwächeren Alben aus der Feder des Komponisten aus Fulda. Bleibt zu hoffen, dass auf der kommenden Live-Tour die Band an ihre alten Tugenden anknüpfen kann und den beliebigen Songs dieses Album etwas mehr Individualität verleiht.

Das Album selbst erscheint am 15.02. auf CD und in diversen Vinyl-Varianten, welche sich aber in erster Linie in der Farbe unterscheiden. Der Inhalt ist immer derselbe.

Viele weitere CD-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

Über das besprochene Medium

Avantasia
Moonglow
(Nuclear Blast)

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Hört am liebsten Symphonic- sowie Powermetal, kann sich aber auch für Pagan und Metalcore begeistern. Wenn er gerade einmal nicht mit Achterbahnen spielt, ist die Kamera im Anschlag.

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