Frank Carter & The Rattlesnakes – Modern Ruin

Frank Carter kennt man als Shouter und wild berserkenden Frontmann der britischen Hardcore-Punk-Band Gallows. Nach Gallows gründete er mit dem US-Amerikaner Jim Carroll die Band Pure Love, um die Fans mit ungewöhnlich rockigen und melodischen Tönen zu verblüffen. „Ich war wirklich überrascht, wie viele Leute diesen Schritt einfach nicht akzeptieren wollten. Für diese Leute kam das wie ein Schock, den sie nicht verdauen konnten. Sie konnten gar nicht verstehen, was passiert war, denn für sie bin ich die pure Aggression, nicht mehr, nicht weniger. So kam diese Kehrtwende wohl ein wenig zu abrupt. Es war wie bei einem Wagen, mit dem man mit 100 Meilen pro Stunde in eine Haarnadelkurve rauscht: Da kommt man schon mal ins Schleudern.“ Letztendlich wurde Carter bei diesem stilistischen Schwenk um 180° wohl aus der Kurve getragen, das Projekt Pure Love nach einem Album und einer EP 2014 eingestampft. ‚Blossoms‘, das erste Album von Frank Carter & The Rattlesnake stieß dann wieder auf eine geradezu enorme Gegenliebe. Carter wieder in der Rolle der Rampensau, der harsche Sound der Hardcore-Produktionen der 90er, angeblich wurde jeder der zehn Songs auf ‚Blossom‘ drei mal eingespielt, die beste Version dann für das Album hergenommen. Gelegentliches hektisches Atmen, verächtliches Ausspucken und das mühsame Ringen nach Beherrschung machte die Sache noch etwas authentischer. Festivalauftritte und ausverkaufte Clubshows waren die Folge.

Mittlerweile begleitet er nun also die Buddies von Biffy Clyro auf ihrer aktuellen Europa-Tour. Allein mit ‚Blossom‘ im Gedächtnis war diese Allianz aus Hardcore und Stadion Rock so nicht vorherzusehen, doch pünktlich vor dem Tourstart wird mit ‚Modern Ruin‘ ein neues Album auf die Fans losgelassen, das diese Angelegenheit wieder ins richtige Licht rückt.

Der Ton auf ‚Modern Ruin‘ ist ein komplett anderer als zuletzt. Die allgegenwärtigen, wütenden Shouts sind grossteils verschwunden, klarer Gesang und eingängige Melodien ziehen sich nun fast über die ganze Platte durch. Das Songwriting ist komplexer geworden, die Arrangements raffinierter, man bewegte sich weg von den simplen Hassbrocken, die Stimmung ist – trotz weiterhin komplizierter Beziehungsproblematik, persönlich wie auch gesellschaftlich – gelöster. Da darf eine catchy Radiosingle wie ‚Vampires‘ ebensowenig fehlen wie 1-2 kraftvolle Balladen, dem werden ein einminütiger Punkreisser und das Titelstück ‚Modern Ruin‘, das noch ganz vom Sound des Vorgängeralbums geprägt ist, entgegengesetzt. Herausragend ist das emotionale Wechselbad von ‚Acid Veins‘ und das finale, ebenfalls zwischen eingängig-sanft und verzweifelt-aufbrausend changierende Stück ‚Neon Rust‘.

Die Entwicklung bei Frank Carter & The Rattlesnakes ist tatsächlich beeindruckend, fehlenden Mut zur Veränderung oder gar einen Mangel an Ambition kann man der Band bei dem gereiften Songwriting nun wirklich nicht vorwerfen. Höchstens die stellenweise etwas zu poppig geratene Produktion, dafür blitzt die rohe Energie von ‚Blossoms‘ auf ‚Modern Ruin‘ wohldosiert immer wieder auf.

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FrankCarterTheRattlesnakes
Frank Carter & The Rattlesnakes
Modern Ruin
(International Death Cult / Rough Trade)

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Chris

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