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Niedecken – Zosamme Alt

Die Kunst der Reduktion. Ein ganzes Album ohne Schlagzeug und ohne E-Gitarren! Kann das funktionieren?

Es kann – wenn Wolfgang Niedecken mit einer Auswahl von Liebesliedern, die er in den letzten 25 Jahren für seine Frau geschrieben hat, in die USA aufbricht, um dort mit namhaften und BAP-unvorbelasteten Musikern diese Lieder neu einzuspielen. Begleitet wird Niedecken nicht nur von seinem Freund Julian Dawson, dessen Wege sich mit BAP seit Anfang der neunziger Jahre immer wieder kreuzen, sondern auch von Larry Campbell (früher bei Bob Dylan) und Steuart Smith (The Eagles). Heraus kommen nun Versionen, die durchaus überraschen. Das erste Liebeslied, das Niedecken für seine damalige (noch „geheime“) Freundin schrieb, war „Rääts und links vum Bahndamm“, das auf dem „Da Capo“ Album 1989 erschien. Diese straighte Rocknummer war nur beim genaueren Hinhören (und Text studieren) als Liebeslied zu erkennen. Nun kommt es wunderbar entschleunigt, eindringlich und intensiv daher. Insgesamt geht das Konzept dieser Platte sehr gut auf. Die schlanken Arrangements und die spärliche Instrumentierung lassen viele v.a. ältere Lieder mehr aufleuchten und zur Geltung kommen, als in den Originalversionen, die teilweise überproduziert wirken („Griefbar noh“ vom Album „X für e U“ aus dem Jahr 1991 oder „Do jeht ming Frau“ vom Album „Amerika“ aus dem Jahr 1996). Ebenso geglückt sind die Neueinspielungen von „Lena“ und „Ich wünsch mir, do wöhrs he“, das ursprünglich in Marokko entstand und nun musikalisch nach New Orleans verlegt wurde.

Weniger deutlich wird der Unterschied zu den Originalversionen bei neueren Stücken wie z.B. „Jedanke em Treibsand“ (vom Album „Sonx“ aus dem Jahr 2004) oder „Waat ens jrad“ (vom Album „Halv su wild“ aus dem Jahr 2011), was daran liegt, dass BAP in den letzten Jahren bei der Produktion ihrer Alben ohnehin nach dem Grundsatz, dass Weniger mehr sein kann, gearbeitet haben. Gespannt darf man sein, wie BAP die Stücke bei der „BAP zieht den Stecker-Tour“ im Frühjahr 2014 umsetzen wird.

„Schließlich ist der Herbst gekommen, plötzlich stand er vor der Türe, nach einem endlos langen Sommer, in dem allerhand passiert ist…“. Mit diesen Zeilen aus dem Titelsong „Zosamme alt“, dem einzig wirklich neuen Stück, beginnt das Album passend zur Jahreszeit. Niedecken sieht sich im Herbst seines Lebens angekommen und hofft, dass sich der Winter noch etwas Zeit lässt. In Interviews sagt Niedecken, dass er die Zeit seit seinem Schlaganfall im November 2011 intensiver erleben und nutzen will. Mit „Zosamme Alt“ ist ihm dies zweifelsohne gelungen.

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Über das besprochene Medium

Niedecken - Zosamme Alt - Tribe Online Magazin
Niedecken
Zosamme Alt
(Vertigo Berlin / Universal)

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