Delain – Apocalypse & Chill

„Apocalypse & Chill“ der Name von Delains neuester Platte erinnert doch recht stark an ein aktuell sehr verbreitetes Phänomen der Streaming-Jünger. Ob die fünf Niederländer mit uns das letzte Gericht abhalten, die Welt im Chaos versinken lassen, oder sich lieber gemütlich mit uns auf die Couch fläzen wollen, werden wir in den nächsten knapp 55 Minuten erfahren.

Durchaus eine beachtliche Länge für eine aktuelle LP, legen uns Charlotte Wessels und ihre vier Männer vor. Mit nur leichter Verspätung kommt die Scheibe jetzt auf den Markt, denn angekündigt war sie bereits für Ende letzten Jahres. Manche Platten müssen halt noch etwas reifen, und nach dem Erfolg der 2016 erschienenen „Moonbathers“ war die Band auch nicht untätig. Touren zusammen mit Sabaton und Nightwish, eine EP namens „Hunters Moon“ (unsere Review hier) und eine lange eigene Headliner Tour. Man kann wirklich nicht behaupten, dass die Gruppe Langeweile hatte.

Mit „Apocalypse & Chill“ kommt nun das sechste Album aus der Feder von Keyboarder und Songwriter Martijn Westeholt, welcher sich seine Sporen bis 2001 bei Within Temptation verdiente. Dieses Album muss leider ohne Gitarristin Merel Bechthold auskommen, die Delain im Sommer letzten Jahres verlies um sich ihrem eigenen Projekt „Purest of Pain“ zu widmen.

Gut, dann machen wir es uns mal auf der Couch bequem und hören rein in „Apocalypse & Chill“. „One Second“ ist die Suche nach einer neuen Serie. Während wir durch das Angebot scrollen begegnen uns bekannte Klänge. Nichts weiter außergewöhnliches, außer dem doch hohen Anteil männlicher Stimmen. Vermissen wir Charlotte etwa schon? Die liebgewonnene Hauptfigur bleibt erstaunlich weit im Hintergrund und lässt dem vermeintlichen Nebendarsteller Timo Sommers mehr Platz um sich an der Gitarre auszutoben. Dennoch ist die Entscheidung schnell gefallen. In nur einer Sekunde verlieben wir uns und bleiben ganz sicher dabei. Die Wahl ist getroffen.

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Video zu „One Second“

Nächste Szene, die Achtziger sind zurück. Zumindest was die Synthesizer angeht passen sich Delain einem aktuellen Trend an, und lassen alte Beats in „We had everything“ wieder auferstehen. Das ist aber leider auch schon alles, was diesen Song außergewöhnlich macht. Er plätschert ein bisschen vor sich hin, ohne den finalen Kick zu liefern. Struktur und Melodie erinnern etwas zu sehr an das soeben gehörte „One Second“. Befinden wir uns eventuell in einer Traumsequenz der Hauptdarstellerin? Diese singt nämlich klar und kraftvoll wie immer, wobei es nicht so viel Text zu merken gibt.

Jetzt geht’s los. „Chemical Redemption“ begrüßt uns böse und druckvoll. Das Profil unserer Charaktere wird geschärft. Dennoch lässt uns dieser Hauch der Achtziger nicht los. Etwas zu wenig Text, dafür oft wiederholt, ist eher eine Mechanik, die in der Popmusik Anwendung findet. Im Kontrast dazu stehen die opulenten Chöre in der Bridge, bevor wir im Finale dann erlöst werden. So ganz stimmt hier die Chemie für mich nicht.

„Burning Bridges“ schließt sich dem an, erinnert an vergangene Werke der Niederländer. Die Varianz in der Stimmt der Frontfrau wird direkt zu Anfang demonstriert, der Aufbau deutlich orchestraler und bombastischer als die ersten drei Songs des Albums. Überraschende, fiese Growls tauchen auf. Ist das etwas schon der Gastauftritt von Arch Enemy Frontfrau Alissa White-Gluz? Ganz raushören lässt sich das leider nicht. In „Burning Bridges“ kommen Fans der letzten Platte definitiv auf ihre Kosten, doch auch Freunde der neuen Klänge bekommen was sie wollen. Dieser Song bildet eine solide Brücke zwischen beiden Welten.

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Video zu „Burning Bridges“

Der nächste Gastauftritt schließt sich direkt an. Für „Vengance“ hat man sich Verstärkung von Burton C. Bell geholt. Die Stimme des Sängers von Fear Factory passt gut in das Duett mit der starken Charlotte. Hier fällt aber auch das komplexe Drumming von Joey de Boar auf, welches dem Song viele Details hinzufügt, die erst beim zweiten oder dritten Hören zu Tage kommen. Ein ruhiger Zwischenpart bereitet uns auf ein furioses Finale vor. Begleitet von riesigen Chören, massivstem Einsatz von Martijn an den Keyboards baut sich der Song bis zum großen Schlussknall auf. Ein Meisterwerk.

Man fühlt sich an Rammstein erinnert, nimmt man die ersten 25 Sekunden von „To Live Is To Die“ isoliert auf die Ohren. Düster, brutal und zugleich mit einer ungewohnt sanften Stimme trägt der Song durch ein drückendes Schlagzeug-Bett. Ab der Hälfte wird es symphonischer, ohne dabei die Balance zu verlieren. Alles in allem eine der ruhigeren Nummern auf der Platte. Dabei aber alles andere als einschläfernd. Da hatten manche Serien durchaus größere Hänger in der Mitte. Die Verzerrung zum Ende kommt auf jeden Fall überraschend und ist ja vielleicht ein kleiner Cliffhanger auf das was uns hier noch erwartet.

„Let’s Dance“, nanu bin ich auf der Fernbedienung eingeschlafen? Nein, auch wenn die eher trashige TV-Show denselben Titel trägt, haben beide nichts mit einander gemeinsam. Na gut, vielleicht ist das Delain Pendant auch eher leichte Kost, aber so taugt es zumindest um mal eben kurz die Chips Vorräte aufzufüllen und ein neues Amstel aus dem Kühlschrank zu holen. Schmeckt ähnlich dünn wie der Song, da kann leider auch Timos Solo nicht mehr viel rausholen. Das Ende ist dann eher bekannte Kost aus der Retorten-Kiste.

Als hätte die TV-Welt nicht schon genug davon zu bieten, lassen die Niederländer nun auch noch „Creatures“ auf uns los. Ein Song wie eine Zombie-Apocalypse. Schnell, überraschend, dennoch mit Luft zum Verschnaufen. Zerbrechlich und fragil, fast ängstlich sing die 32-jährige Frontfrau von Kreaturen der Nacht die uns auf dem Heimweg begleiten. Eher doch keine Zombies. Vielleicht ein paar Blutsauger? Es ist auf jeden Fall ein schneller Tot.

Die Trauermusik dazu gibt es in „Ghost House Heart“. Sanfte Klaviertöne geben den Rahmen vor, welcher die Ballade umgibt. Streicher helfen im Aufbau, schaffen eine gespenstische Atmosphäre und bannen uns vor die Glotze. Da muss doch noch was passieren. Jetzt, nein doch nicht. Aber jetzt, ja da. Eine neue Stimme taucht auf. Charlotte lässt sich von ihrer Landsfrau Sharon den Adel unterstützen. So schließt sich auch wieder der Kreis zu Within Temptation und gibt dieser Cross-Over-Episode einen schönen Abschluss.

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Video zu „Ghost House Heart“

Das nun folgende „Master of Destiny“ ist über jeden Zweifel erhaben und war auch schon auf der nun ein Jahr alten „Hunters Moon“ EP enthalten. Deshalb möchte ich mich einfach selber zitieren: „Nach einem ruhigen Intro kreischt Charlotte uns zu harten Riffs entgegen, das Orchester spielt mit voller Wucht auf. Ruhig gesungene Strophen wechseln mit dem brachialen Refrain und werden von komplexen Melodien umspielt. Vor dem inneren Auge läuft ein Film der irgendwo zwischen Wäldern, verwachsenen Schlössern und machtvollen Kriegern spielt. Die Song-Strukturen erinnern ein wenig an die letzten Werke von Nightwish Keyboarder Tuomas Holupainen, ohne diesen aber in der Qualität nachzustehen.“

Auf Grund dieser Qualitäten sieht man diese Folge gerne nochmal an. Es ist diese eine Lieblingsfolge, die dazu führt, dass man all seinen Freunden von dieser Serie erzählt. Bitte schaut mal rein, sonst verpasst ihr was. Ich leg es in meine Favoriten-Liste.

Man merkt, dass wir uns dem Staffel-Abschluss nähern. Binge-Watching vom feinsten treibt uns zu „Legions oft he Lost“. Wieder einmal spielt Delain gekonnt mit den Kontrasten. Der Gesang der Frontfrau kokettiert die harten Riffs von Timo und Otto. Für den Bombast zeichnet sich wie immer Martijn aus. Immer wieder nimmt der Song neues Tempo auf, um uns direkt wieder etwas Luft zum Atmen zu geben. In einem furiosen Finale sieht man ganze Horden auf sich zu stürmen, wahrlich die Apokalypse ist nah. Das zeigt auch das abrupte Ende.

Nach der großen Schlacht kommt die Bestandsaufnahme. Der Modus ist aus jeder epischen Serie bekannt. „The Greatest Escape“ erzählt eine wunderbare Geschichte und bietet, schon für sich genommen, genug Stoff für ein Spin-Off. Ruhig und mit dezentem Streichereinsatz zeigt uns diese vorletzte Folge, warum wir Delain so mögen. Viel Varianz, gepaart mit exzellenter Produktion und der unglaublichen Stimme von Charlotte Wessels, sind einfach ein Garant für die ständige Position ganz oben auf der Watch-/Listening-List.

Ein Hauch von Pink-Floyd und anderen Vertretern ihres Genres sowie ihrer Zeit begrüßt uns zum großen Finale der Staffel. „Combustion“ gibt sich die ersten 90 Sekunden sehr Retro, um dann mit unerwarteter Härte zuzuschlagen. Jetzt gibt es nochmal richtig was auf die Ohren, doch eine fehlt. Unsere Hauptdarstellerin ist verschwunden. Bedeutet dies etwa ihren Serien-Tot? Dafür toben sich die anderen Vier an ihren Instrumenten aus und legen uns ein echtes Brett vor die Füße. „Combustion“ knallt, verzaubert, verführt zum Dranbleiben. Es passiert so unglaublich viel, dass man fast den überblickt verliert. Sehr viel Stoff wurden in diese Letzten 5:25 Minuten gepresst, ohne dass es überladen wirkt. Was für ein Ende.

Was ist „Apocalypse & Chill“ denn nun? Naja, die Platte hat wirklich erstaunliche viele Parallelen zu einem guten Abend mit dem Streaming-Anbieter der Wahl. Zuerst weiß man nicht so recht ob es wirklich so toll ist, aber was Besseres hat man ja nicht vor. Die Charaktere sind recht spannend, aber es passiert nicht viel, oder man hat das Gefühl, das alles schonmal gesehen zu haben. In der Mitte schlägt die Story auf einmal voll zu und zieht einen ein seinen Bann. Man will gar nicht mehr aufhören und so sitzt man auf einmal mitten in der Nacht nach dem Finale da und fragt sich wie es weiter gehen soll.

Die Antwort darauf ist einfach. Es gibt noch Bonusmaterial in Form von drei Songs, die rein orchestral aufgenommen und abgemischt wurden.

Wem das nicht reicht, der kann die fünf Niederländer auch auf der Bühne sehen:

09.02.20 UK – London / Electric Brixton
14.02.20 NL – Utrecht / Tivoli Vredenburg
30.03.20 SE – Malmo / Kulturbolaget
31.03.20 SE – Göteborg / Pustervik
01.04.20 NO – Oslo / John Dee
03.04.20 FI – Turku / Apollo
04.04.20 FI – Tampere / Olympia
05.04.20 FI – Helsinki / Tavastia
07.04.20 SE – Stockholm / Fryhuset Klubben
05.06.20 CZ – Prague / Amfiteatr Lochotin

Weitere Termine kommen bestimmt, denn die Spielfreude von Delain ist ungebrochen.

Erschienen ist „Apocalypse & Chill“ am 07.02.2020 bei Napalm Records und ist auf CD, drei verschiedenen Vinyl-Varianten und in einer Deluxe-Box erhältlich.Viele weitere CD-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

Über das besprochene Medium

Delain
Apocalypse & Chill
(Napalm Records)

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Hört am liebsten Symphonic- sowie Powermetal, kann sich aber auch für Pagan und Metalcore begeistern. Wenn er gerade einmal nicht mit Achterbahnen spielt, ist die Kamera im Anschlag.

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