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Der Krieg der Welten

Mit den allerersten Platten sind Geschichten, Erlebnisse oder Gefühle dauerhaft gespeichert. Das dürfte so ziemlich jeder kennen und bestätigen können. Eine meiner ersten eigenen Platten war eine von Jeff Wayne und faszinierte mich bei der Entdeckung damals nicht nur durch die revolutionären — für mich jedenfalls äußerst ungewohnten und spannenden Klänge, sondern auch durch die dadurch erzählte Story und die dazu passende Bebilderung im LP-Einleger. Ich hatte die Musik zunächst bei einem Freund gehört und war überglücklich, als ich sie nach langer Suche in einem 30 Kilometer entfernten, kleinen Plattenladen endlich gefunden hatte.
Es war die musikalisch aufbereitete Ausführung (“Jeff Wayne’s Musical Version of …”) eben jener Science-Fiction-Geschichte über den Angriff von Marsianern, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts von H. G. Wells (bekannt u.a. auch durch “The Invisible Man” — siehe auch: unsere Comic-Besprechung zu Jeff Lemires “The Nobody” — und “The Time Machine”) geschrieben wurde. Die Geschichte, die 1938 in einer Hörspielfassung von Orson Welles im US-Radio ausgestrahlt wurde und dabei durch die damals moderne und real erscheinende Produktion zu Irritationen in Teilen der Bevölkerung und zu einer Reihe Anrufe besorgter Bürger führte. Jene, die nicht nur Inspiration für die 80er-TV-Serie “Die dreibeinigen Herrscher” gewesen sein dürfte, sondern auch für Hollywood-Filme wie “Independence Day” oder “Mars Attacks!”, und die 2005 selbst schließlich mit einem düsteren Kinofilm mit Tom Cruise in der Hauptrolle in unsere heutige Zeit transportiert wurde: “Der Krieg der Welten” — “The War of the Worlds”.

… and slowly and surely they drew their plans against us.Wie Richard Burton eindrücklich zitierte…

Hier geht es nun um eine Aufbereitung dieser “scientific romance”, wie Wells seine ersten Romane selbst einordnete, als Comic bzw. Graphic Novel, adaptiert und gezeichnet vom Deutschen Thilo Krapp, der ebenfalls schon früh von Wells’ Idee fasziniert war. Er hörte als 11-Jähriger das Radiohörspiel in der deutschen Fassung des WDR, bei dessen Ur-Ausstrahlung es 1977 hierzulande übrigens ebenfalls zu einigen besorgten Anrufen kam.

© 2017 Egmont Graphic Novel / Thilo Krapp

Kurz zusammengefasst, geht es im Original-Roman darum, dass eines Tages riesige metallische Zylinder aus dem Weltall auf die Erde krachen. Die Menschen sind zunächst neugierig und reagieren durchaus aufgeschlossen. Als die Zylinder sich öffnen, erscheinen allerdings grässliche Marsianer in ebenfalls riesigen Kampfmaschinen, ausgestattet mit tödlichen Waffen und dem Plan, die Erde zu erobern.
Hauptfigur ist Robert. Als die anfängliche Interessiertheit der Menschen gegenüber den Ankömmlingen aus dem All der traurigen Gewissheit weicht, dass jeder, der die Wege der Tripods kreuzt, per Hitzestrahl getötet wird, leiht sich Robert kurzerhand eine Kutsche und ein Pferd und bringt damit seine Frau Emma in einen etwas entfernten Ort, in Sicherheit. Allerdings trennen sich ihre Wege danach zunächst noch einmal, so dass sich Robert auf der Suche nach seiner Frau schließlich alleine durch die Endzeit-Szenerie schlagen muss.

Obwohl die Story als satirische Spiegelung der Außenpolitik des britischen Empires (Kolonialisierungen) gedacht war, zeigt sie vorrangig eben doch ein klassisches Science-Fiction-Szenario, in dem dann schließlich das persönliche Drama um Emma, Robert und dessen Bruder erzählt wird.
Krapp hält sich sehr genau an Wells’ Vorlage, was, im Unterschied zu vielen anderen Umsetzungen, vor allem auch erst einmal bedeutet, dass er die Geschichte nicht in die Gegenwart transkribiert hat, sondern sie in derselben Zeit stattfinden lässt, in der sie auch Wells selbst angesetzt hat — also das viktorianische England an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.
Um den “alten” Eindruck zu unterstützen, wurden die Zeichnungen nicht koloriert, sind allerdings auch nicht wirklich das, was man schwarz-weiß nennen würde — viele Grautöne und eher geringerer Kontrast. Dadurch stechen die alles zerstörenden Hitzestrahlen, die Heat Rays der Maschinen zwar nicht so sehr aus dem Bild heraus, andererseits passt die Optik so absolut stimmig zur Geschichte. Unterstützt wird diese Wirkung übrigens dadurch, dass die Seiten komplett mit einem leicht fleckigen Sepia-Hintergrund bedruckt wurden. Auf diese Weise sieht das Material nicht nach strahlend weiß gebleichtem Papier aus, sondern wirkt fast etwas angegilbt.

© 2017 Egmont Graphic Novel / Thilo Krapp

Im Bonusteil auf den letzten Buchseiten gewährt Thilo Krapp schließlich noch ein paar Einblicke in seine Arbeitsweise. Neben einigen Skizzen und Zeichnungen gibt es dort auch Erläuterungen zur Recherche über England im viktorianischen Zeitalter — beispielsweise das zeichnerische Studium der Architektur-Stile vor Ort oder die Informationsbeschaffung über damalige Mode aus alten Zeitschriften.
Im Deckel findet sich außerdem eine gezeichnete Landkarte der im Süden Londons liegenden Grafschaft Surrey, in der das Ganze spielt. So bekommt man beim Lesen eine kleine Vorstellung davon, welchen Weg Robert in dem Chaos zurücklegen muss.

Thilo Krapps “Der Krieg der Welten” ist eine ausgesprochen gut gelungene Umsetzung eines Klassikers der Literatur. Die Bedrohung und die Dramatik durch die außerirdischen Invasoren und ihre Übermacht über die Menschen kommen beim Lesen gut herüber. Besonders aber die Treue zum Original und die dazu passende durchgängig “altmodische” Aufmachung (Stil der Zeichnungen und des Covers; „Sepia-Filter“) gefallen. Eine klare Empfehlung, also.
Und, wer weiß, vielleicht wird der eine oder andere einer kommenden Generation ja einmal nicht das Radiohörspiel oder Jeff Waynes Musik-Version als begeisternden Erstkontakt mit Wells‘ Geschichte nennen, sondern diese Graphic Novel.

Der Krieg der Welten - Tribe Online Magazin
Der Krieg der Welten
Thilo Krapp
Hardcover, 144 Seiten
(Egmont Graphic Novel)

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Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.[BR] Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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