Sherlock Holmes & die Vampire von London
“London wird mich so schnell nicht wiedersehen.” — wenn sich Sherlock Holmes da mal nicht gewaltig irrt. Eigentlich will er sich zwar nur kurz in Paris mit seinem Bruder Mycroft treffen, mit dessen Hilfe an sein hinterlegtes Geld kommen und dann einfach ausgedehnt die Welt bereisen — Bildungsreise, versteht sich.
Nach seinem letzten Aufeinandertreffen mit Widersacher Moriarty an den Reichenbachfällen gilt er offiziell als tot, und das soll bitteschön so bleiben. Nicht einmal Watson soll erfahren, dass alles nur inszeniert war. Und zu seinem eigenen Schutz ist das auch besser so, denn Moriartys Leute bezweifeln den Wahrheitsgehalt der Berichte über Holmes’ Ableben und beschatten sogar dessen Wohnung in der Baker Street.
Doch nicht Moriartys treues Gefolge, sondern eine ganz andere Gattung kommt den Reiseplanungen letztendlich in die Quere. Ein paar Vampire haben nämlich den Auftrag, ihn gefangen zu nehmen und zum Vampir-Meister Selymes in die englische Hauptstadt zu bringen — was der klügste aller Köpfe (der bei Cordurié aber auch Qualitäten im Faustkampf hat) nach Einlesen in die einschlägigen Werke Abraham Van Helsings dann auch zulässt.
Der mächtige Selymes kommt schnell auf den Punkt: Unter der Duldung der Königin persönlich pflegen die Vampire gute und wichtige Beziehungen zu einigen der einflussreichsten Personen der Stadt. In deren Kreisen sorgt Chanes, ein scheinbar durchdrehender Problem-Vampir, aber seit einiger Zeit für Terror und Tote.
Nun droht Queen Victoria den Vampiren mit ernsten Konsequenzen, weswegen Selymes die Hilfe des meisterlichen Detektivs in Anspruch nehmen will — nein, nicht “nehmen will”, sondern “nimmt”. Denn er fragt nicht freundlich, sondern verlangt und das natürlich mit einer Drohung seinerseits: verweigert ihm Holmes die Unterstützung, oder sollte er nicht erfolgreich sein, so blühen Watson und dessen Gattin qualvolle Schmerzen…
Die beiden Bände aus der französischen Collection 1800 sind vor ein paar Jahren im Mosaik-Verlag schon einmal in deutscher Sprache erschienen. Möglicherweise war das auch der Grund für die Entscheidung bei Splitter, 2014 zunächst mit “Sherlock Holmes & das Necronomicon”, der chronologisch gesehen zweiten Geschichte aus Corduriés Sherlockversum (von “Crime Alleys” mal abgesehen), zu beginnen. Jedenfalls wird hiermit nun die Lücke zwischen Holmes’ “letztem Problem” aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle und seiner Rückkehr nach London als Magnus Sigerson im “Splitter Double”-Regalabteil gefüllt.
Sherlock Holmes, der hoch intelligente Feingeist mit der Pfeife im Mundwinkel? Keine Spur! Sylvain Cordurié zeigt Sherlock Holmes in “… & die Vampire von London” einmal mehr als ziemlich toughen Allrounder, der auch die bedrohlichen Herausforderungen der von Stoker inspirierten Welt souverän annimmt.
Eine Leseprobe mit ein paar Seiten findet ihr auf der Seite zum Buch beim Splitter Verlag.Viele weitere Comic-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index…