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Deaf Havana – All These Countless Nights

This room is full of people who barely know my name”, sang James Veck-Gilodi auf dem 2013er-Album “Old Souls”. Dieser Zustand dürfte sich in der Zwischenzeit ziemlich geändert haben, denn die Kritiken zu diesem dritten Studioalbum waren positiv, die Bekanntheit der Band stieg, es gab Airplay, die Venues, die Deaf Havana bespielten, wurden größer und wurden ausverkauft. Allerdings zeigte die Kurve dann doch irgendwann wieder abwärts. Ein Auslöser waren sicher die Alkohol- und Depressions-Probleme des Frontmanns, der sich in dieser Rolle nie so richtig wohl gefühlt hatte. Es gab Streitereien um allerlei Kleinigkeiten, aber auch handfeste finanzielle Probleme. Die Band stand zwischenzeitlich schließlich knapp vor der Auflösung und der Major-Vertrag mit BMG war Geschichte.
Anstatt die Einnahmen aus dem Auftritt beim Reading & Leeds Festival 2014 zur Schuldentilgung zu verwenden und tatsächlich den Laden dicht zu machen, kam es dann aber doch wieder zur Wende, und man beschloss, neu durchzustarten. Knapp drei Jahre später, nachdem die Depressionen und das Alkoholproblem offenbar überwunden sind, veröffentlicht das britische Quintett nun wieder auf einem Indie-Label (So Recordings) ihr neues Album “All These Countless Nights”.

Im Gegensatz zur Arbeit zum Vorgänger-Album entstanden die Songs diesmal nicht innerhalb weniger Wochen, sondern über den gesamten Zeitraum von rund drei Jahren. Veck-Gilodi spricht davon, dass sich das Songwriting diesmal ungezwungener und irgendwie natürlicher angefühlt hätte. Im Ergebnis klingen Deaf Havana auf dem neuen Album jedenfalls zunächst einmal so wie sie auch vor drei Jahren geklungen haben: nach energievollem Radiorock (“Trigger”) mit recht eingängigen Refrains (“Fever”) und wenig Kanten, hin und wieder aber auch mit einer gewissen Bissigkeit (“Sing”). Vor allem natürlich die starke Stimme von Veck-Gilodi verlieh und verleiht dem Sound weiterhin seinen großen Wiedererkennungswert.
Eine leichte Erweiterung der Variabilität ist dennoch zu erkennen. Zum Beispiel wurde diesmal in einigen Stücken mehr mit Rhythmus experimentiert, wie “Like a Ghost”, “England” oder auch “Trigger” zeigen. Außerdem machte mir das Ganze einen noch ein bisschen nachdenklicheren Eindruck als zuletzt. Ruhige und kraftvolle Passagen sind in den Songs in einem ausgewogenen Verhältnis vertreten. Mit “Happiness” hat das Album aber auch die obligatorische (Akustik-)Ballade.

Der Schritt von “Old Souls” zu “All These Countless Nights” mag vielleicht nicht sonderlich groß erscheinen, aber so geht es — von einem ohnehin gelungenen Vorgänger kommend — in die richtige Richtung weiter. Wenn auch die individuelle Stärke eines “Boston Square” oder eines “Everybody’s Dancing And I Want To Die” meiner Meinung nach nicht erreicht wird, bleibt vor allem angesichts der nach wie vor großen Songwriting-Qualitäten und des herzhaften Gesangs zu hoffen, dass Deaf Havana spätestens mit diesem Album wieder endgültig in die Spur kommen und weiter gutes Material abliefern.

Deaf Havana - All These Countless Nights - Tribe Online Magazin
Deaf Havana
All These Countless Nights
(So Recordings / rough trade)

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Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.[BR] Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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