The Cranberries – In The End

Auch rund 15 Monate später mag man es irgendwie noch nicht recht glauben: Dolores O’Riordan, Gesicht, Kreativkraft und vor allem die markante Stimme des irischen Rock-Quartetts The Cranberries lebt nicht mehr. Sozusagen posthum veröffentlichen die verbleibenden drei Mitglieder nun, ganz offensichtlich auch zur eigenen Trauerbewältigung, das insgesamt achte Studioalbum der Band — mit dem vielsagenden Namen “In The End”.

Die Arbeiten zum Album begannen bereits Mitte 2017, als die Band noch auf Tour in Europa war. Zahlreiche Termine, auch der gesamte für den Herbst geplante Nordamerika-Teil musste damals wegen Bandscheibenproblemen der Frontfrau abgesagt werden. Anstatt der Liveauftritte entwickelten Gitarrist Noel Hogan und Dolores nun neue Songideen — er in Frankreich, sie in den USA — und schickten sich gegenseitig Material zu.

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Video zu “All Over Now”

Am 15. Januar 2018 wurde die Sängerin dann tot in einem Londoner Hotel gefunden. Ihr letztes Demo an Noel schickte Dolores offenbar nur einige Stunden vor ihrem Tod. Obwohl Alkohol und Medikamente im Spiel waren, gehen die Behörden übrigens von einem tragischen Unfall aus.
Nach dem ersten Schock nahmen sich die Brüder Mike (Bass) und Noel Hogan und Fergal Lawler (Drums) noch einmal die Demos vor und beschlossen, mit dem Segen und der Unterstützung von Dolores’ Familie, das Material fertigzustellen und zu veröffentlichen. Die elf Demos, deren Aufnahmen es zuließen, wurden also musikalisch ausgearbeitet, rund um den vorhandenen Gesang neu aufgenommen und übrigens wieder von Stephen Street produziert. Mit dem “fünften Bandmitglied” arbeitete die Band schon viele Male zusammen, unter anderem bei ihren ersten beiden, bei weitem erfolgreichsten Alben, aber auch bei “Roses”, dem Reunion-Album von 2012.
Zum ersten Todestag konnte man schließlich den Release für Ende April ankündigen und gleichzeitig eine erste Single präsentieren: “All Over Now”.

Wir hatten die Sorge, dass wir durch ein mittelmäßiges Album unser Vermächtnis beschädigen könnten. Doch als wir uns gemeinsam durch all die Demos hörten, die Dolores und ich aufgenommen hatten, erkannten wir, dass wir ein unglaublich starkes Album vor uns hatten. Die beste und einzig richtige Art, Dolores zu ehren.Noel Hogan

Dieser Name klingt nun natürlich irgendwie wie eine Prophezeiung, zumal im Text auch noch von einer “night in a hotel in London” die Sprache ist. Dabei geht es in dem pop-musikalisch sicherlich stärksten Song des Albums vielmehr um Gewalt in einer Beziehung. Einen geeigneteren Opener hätte man jedenfalls nicht finden können, zumal das Stück vieles von dem hat, für das The Cranberries stets gefeiert wurden. Überhaupt setzt “In The End” auf alte Stärken und klingt mehr nach “No Need To Argue” (1994) als nach “Bury The Hatchet” (1999) oder “Wake Up And Smell The Coffee” (2001).
Ruhigere Stücke, zum Beispiel “Lost” oder der Titelsong “In The End”, wechseln sich mit eingängigen Midtempo-Songs ab, wovon sich vor allem “Wake Me When It’s Over” und “Got It”, oder ebene das schon genannte “All Over Now”, hervortun. Etwas ungewohnter klingt der mit Piano und Streichern besetzte Song “Catch Me If You Can” oder auch die Harmonien in “Crazy Heart”, dem für mich schwächsten Stück der Platte — sicher Geschmackssache, denn auch auch das ist weit davon weg, wie Füllmaterial zu wirken. Der “Summer Song” dagegen hebt sich mit seiner positiveren Stimmung vom meist gewohnt melancholisch gefärbten Rest ab.

2016 habe ich The Cranberries das erste und einzige Mal live gesehen (hier der Bericht), und bin rückblickend natürlich noch viel glücklicher als ich es vor drei Jahren war, eine meiner Lieblingsbands noch einmal in natura erlebt zu haben. Ab jetzt wird es Dolores’ Stimme schließlich nur noch “aus der Konserve” geben. Und die Stücke von “In The End” werden für immer “Studio-Songs” bleiben und nie live zu hören sein.
Denn gleichzeitig mit der 100% richtigen Entscheidung, das Album fertigzustellen, trafen die drei eine weitere wichtige Entscheidung — die einzig richtige: Ohne Dolores O’Riordan keine Cranberries. 30 Jahre nach ihrer Gründung, markiert die Veröffentlichung des Albums auch das Ende der Band. Alles andere wäre auch völlig unvorstellbar. Und mit “In The End” haben sich die Cranberries würdig verabschiedet. R.I.P. und danke für alles!Viele weitere CD-Reviews findest Du übrigens in unserem alphabetischen Index

Über das besprochene Medium

The Cranberries
In The End
(BMG Rights Management / Warner)

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Gerald

Gerald

Hört so ziemlich alle Genres querbeet, von Heavy bis Electro, von Folk-Pop über World und Rock bis Hip-Hop. Ehrliche, handgemachte Musik ist aber noch die beste und Radio-Rotation ist evil. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ist zudem hauptsächlich für unsere Comic-Abteilung verantwortlich und spielt hin und wieder auch gerne mal an der (Nintendo-)Konsole.

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